Dass es viele Übereinstimmungen zwischen ihrer und der Situation der Juden in Deutschland vor rund 70 Jahren gibt, überraschte die
Jugendlichen, die die alte Synagoge in Petershagen besuchten. Müller

Dass es viele Übereinstimmungen zwischen ihrer und der Situation der Juden in Deutschland vor rund 70 Jahren gibt, überraschte die Jugendlichen, die die alte Synagoge in Petershagen besuchten. Müller

Stolzenau/Petershagen 07.11.2017 Von Die Harke

Ungeahnte Parallelen entdeckt

Junge, meist muslimische Flüchtlinge beschäftigen sich mit der Geschichte der Juden

Eine Gruppe von jungen Menschen aus dem Landkreis Nienburg besuchte kürzlich auf Initiative von [DATENBANK=314]Ute Müller[/DATENBANK] ([DATENBANK=4580]Haus der Generationen[/DATENBANK], Stolzenau) und [DATENBANK=3978]Martin Guse[/DATENBANK] [DATENBANK=5210](Dokumentationsstelle Pulverfabrik[/DATENBANK], Liebenau) die Alte Synagoge Petershagen. Kooperationspartner Wolfgang Battermann erläuterte in seiner Führung die Geschichte des in Norddeutschland einmaligen erhaltenen Ensembles aus Synagoge, Schule und jüdischem Friedhof, sowie die Hintergründe der Verfolgung und Ermordung des größten Teils der einstigen Petershäger jüdischen Gemeinde.

Keine Berührungsängste gegenüber anderen Religionen

Soweit nichts Ungewöhnliches, die Synagoge ist jeden Sonntag für Interessierte geöffnet, die mehr über diesen Teil der regionalen Geschichte erfahren wollen. Ungewöhnlich jedoch: Die jungen Besucher sind aus Afghanistan, der Elfenbeinküste, dem Irak, Syrien oder Mazedonien geflüchtet – und sie sind fast alle Muslime. Religion ist für sie selbstverständlicher Teil ihres Lebens, aber Berührungsängste oder Vorbehalte gegenüber anderen Religionen gibt es unter ihnen nicht.

„In meiner Schule hatte ich mehr christliche als muslimische Freundinnen“, so eine junge Frau aus dem Irak. Auch das Interesse an der jüdischen Geschichte und Religion ist groß, und die Erkenntnisse darüber, wie viele Ähnlichkeiten es zum Islam gibt, nicht minder. Rituelle Bäder, Moses oder Abraham, die Namen der Monate im Kalender, ein abgetrennter Bereich für Frauen im Gottesdienst? „Das kennen wir ja alles“, war von vielen zu hören.

Nicht nur das, manchmal entdecken die Jugendlichen auch Parallelen zu ihrem eigenen Leben in der früheren Heimat. Ausgrenzung, Verfolgung, Flucht, Todesangst, Verlust von Heimat und Angehörigen sind ihnen nicht fremd. Was den jüdischen Familien in Deutschland vor über 70 Jahren widerfahren ist, haben Nor, Maryam, Mohammed und die anderen selbst erlebt.

Solche Formen des Gedenkens, wie den Erhalt der Synagoge, die Stolpersteine oder 60564, kannten sie allerdings bisher nicht. Und dass die Übereinstimmung zwischen den Geschichten derjenigen, die früher aus Deutschland fliehen mussten und ihren eigenen Erlebnissen so groß sind, wussten sie auch nicht – und nun wollen sie mehr erfahren. Deutschland sei das Land, in dem sie ihre Zukunft sehen, und dann gehöre es für sie auch dazu, die deutsche Geschichte zu kennen.

Sonnabend Stolpersteine putzen in Stolzenau

Darum trifft sich die Gruppe am Sonnabend zu einem Rundgang durch Stolzenau, bei dem Ute Müller am Beispiel des Schicksals der Familie Lipmann die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Stolzenau darstellen wird. Und wieder wird es dabei um Verfolgung, Vertreibung und Tod gehen, Themen die diesen jungen Leuten näher sind als vielen in Deutschland Geborenen im selben Alter.

An diesem Tag werden auch die bereits verlegten acht Stolpersteine in Stolzenau wieder geputzt, wie schon im letzten Jahr rund um den 9. November, den Jahrestag der Pogromnacht. Menschen, die vor Fanatismus und Gewalt aus ihrer Heimat fliehen mussten, helfen so mit, das Gedenken an diejenigen wachzuhalten, die Ähnliches in Deutschland erlitten. Dass die jungen Menschen auch bei der nächsten Stolpersteinverlegung in Stolzenau am 6. Dezember dabei sein wollen, ist für sie jetzt schon selbstverständlich.

Wolfgang Battermann von der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen erläuterte den größtenteils muslimischen Flüchtlingen die Geschichte des einzigartigen Gebäudeensembles. Müller

Wolfgang Battermann von der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen erläuterte den größtenteils muslimischen Flüchtlingen die Geschichte des einzigartigen Gebäudeensembles. Müller

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Erstellt:
7. November 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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