„Unsere Lehrer sind keine Digitalisierungsmuffel!“

„Unsere Lehrer sind keine Digitalisierungsmuffel!“

Im Gespräch vor dem Kloster Loccum (von links): Dr. Silke Leonhard (Rektorin des RPI), Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track, Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne, Mike Finke (Vorsitzender des Landeselternrats Niedersachsen) und Bettina Wittmann-Stasch (Dozentin für Schulseelsorge und Vokation am RPI). RPI / Lothar Veit

„Wir wollen in der Schule das abbilden, was Realität ist. Und da kommt man am Thema Digitalisierung nicht vorbei!“, sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne in der Diskussion mit mehr als 90 Elternvertreterinnen und -vertretern aus ganz Niedersachsen. Elternräte aller Schulformen waren für zwei Tage zu einer Tagung unter dem Titel „Schule in der digitalen Welt“ ins Religionspädagogische Institut Loccum (RPI) gekommen. „Eltern sind die wichtigsten Erziehungspartner von Schule“, unterstrich Dr. Silke Leonhard, Rektorin des RPI und Leiterin der Veranstaltung. „Als Religionspädagogisches Institut laden wir für die fünf evangelischen Kirchen in Niedersachsen deshalb jedes Jahr die Elternvertreter*innen ein. Wir suchen mit ihnen das Gespräch zu aktuellen bildungspolitischen Themen und geben ihnen Stimme und Raum.“ Die Tagung bot neben einem Auftaktvortrag und interaktiven Workshops auch die Chance, mit dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne und mit Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track, der Bevollmächtigten für Bildung und Theologie der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Fragen rund um Bildung und Digitalisierung zu diskutieren.

In einem kurzen Vortrag schilderte Tonne die Vorhaben, mit denen die Landesregierung die Schulen fit machen will für die Herausforderungen der Digitalisierung – immerhin eines der Schwerpunktthemen im Koalitionsvertrag. Tonne warb dafür, den Unterricht als pädagogische Chance zu begreifen, um mit Kindern und Jugendlichen die sinnvoll gestaltete Nutzung von digitalen Medien zu diskutieren. Der Minister gab sich optimistisch, dass dies gelingen kann: „Unsere Lehrer sind keine Digitalisierungsmuffel.“ Sie wüssten vielmehr, dass das Thema dran sei, und bildeten sich in großer Zahl weiter.

Nun gehe es darum, die durch den Digitalpakt Schule, eine Initiative des Bundes, in Niedersachsen im Jahr 2019 zur Verfügung stehenden Gelder sinnvoll zum Nutzen aller Schulen und Schulformen und vor allem aller Schüler*innen einzusetzen.

Die „Ziellinie 2020 – Medienkompetenz in Niedersachen“ stecke dafür den Rahmen ab. Tonne betonte, dass es auch das Ziel sei, über den rein unterrichtlichen Kontext hinaus Eltern und Familien insgesamt in den Blick zu nehmen. Denn, so Tonne, „Schule hat sich im Vergleich zu unserer eigenen Schulzeit komplett verändert“. Dies greife auch die gegenwärtige niedersächsische Debatte um die Zukunft der Bildung unter dem Titel „Bildung im Jahr 2040“ auf. Er ist sich sicher: „2040 wird Schule sich schon wieder komplett verändert haben“.

Im Anschluss an seinen Vortrag nahm Tonne sich viel Zeit, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen – über alle Themen, die ihnen auf der Seele brannten, aber natürlich besonders über Fragen der Digitalisierung. Das begrüßte auch Mike Finke, der Vorsitzende des Landeselternrates: „Digitalisierung wird in den Schulen unserer Kinder mehr und mehr an Bedeutung einnehmen. Es gilt deshalb die Rahmenbedingungen zu schaffen, woran wir als Elternvertreter beteiligt werden müssen.“

Einen eigenen ethischen Akzent beim Thema Digitalisierung setzte Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track. In fünf kritischen Thesen wies sie auf die Bedeutung der Auseinandersetzung mit neu entstehenden ethischen Fragen rund um die Digitalisierung hin. Diese sei unumkehrbar, es brauche aber grundsätzlich mehr Bildung angesichts der Entwicklungen, welche den einzelnen Menschen nicht abhängen dürften. Würde und Freiheit dürften nicht gefährdet werden, das Gemeinwohlorientierung sei zu stärken. Grenzen der Forschung seien einzuhalten: „Man sollte ethisch verantwortet nicht alles forschen, was man möglicherweise forschen kann.“

Die Verantwortung für die künstliche Intelligenz dürfe der Mensch nicht abgeben. Gäfgen-Track zog daraus die Konsequenz: „Die Schule braucht um der menschlichen Freiheit und Verantwortung willen nicht nur Verfügungswissen zu digitalen Entwicklungen, sondern erst recht Orientierungswissen zum ethisch verantworteten Umgang mit den Chancen und Grenzen der Digitalisierung.“