„Viele Unternehmen in ihrer Existenz bedroht“

„Viele Unternehmen in ihrer Existenz bedroht“

Autos verkaufen darf der Händler am Südring nicht, reparieren schon. Foto: Schmidetzki

Einzelhandelsgeschäfte, die Waren führen, welche nicht für den täglichen Bedarf erforderlich sind, müssen seit Dienstag geschlossen bleiben. Auch mit dieser Maßnahme soll die Ausbreitung des Coronavirus bekämpft werden.

Für die Geschäftsleute ist das ein scharfer Einschnitt. „Das trifft uns hart, und es ist eine Riesen-Herausforderung“, sagt Jörg Kolossa, Vorsitzender der Werbegemeinschaft „Nienburg Service“. Es sei schwierig, mit der Situation klarzukommen. „Wir hoffen, dass es die vom Bundeswirtschaftsministerium angekündigten Hilfen wirklich gibt und dass auch die kleineren Unternehmen da unbürokratisch und schnell rankommen“, sagt Kolossa.

Grundsätzlich kann er die Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung für die jetzigen Maßnahmen verstehen. „Aber sie sind nicht konsequent, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel Friseure geöffnet haben dürfen. Dort ist der Kontakt zum Kunden viel enger als bei uns“, sagt der Vorsitzende der Werbegemeinschaft.

Er hofft, dass der „Spuk“, wie er es nennt, in vier Wochen vorbei ist. „Wir setzen auf die Treue unserer Kunden und hoffen, dass sie dann wieder zu uns kommen“, so Kolossa. In seinem Modehaus gab es am Dienstag noch einmal eine Notbesetzung. „Eigentlich hätte ja an dem Tag die Modenschau stattfinden sollen, und es kommen bestimmt ein paar Leute, die es nicht mitbekommen haben und denen wir es sagen müssen. Außerdem gibt es noch Kunden, die eine Auswahl zurückbringen oder abholen wollen“, erklärt Kolossa.

Wir setzen auf die Treue unserer Kunden und hoffen, dass sie dann wieder zu uns kommen.

Jörg Kolossa, Vorsitzender des „Nienburg Service“

Ab sofort gilt in seinem Geschäft Kurzarbeit. „Wir setzen auf unbürokratische Unterstützung dafür, denn den Wegfall von Einnahmen für vier Wochen können wir nicht wegstecken“, betont der Vorsitzende des „Nienburg Service“.

Nicht öffnen dürfen auch Möbelhäuser. Untätig sind die betroffenen Mitarbeiter aber nicht, erklärt für das Nienburger Einrichtungshaus Heka dessen Geschäftsführer Patrick Lahmer. Der Verkauf laufe dort nicht mehr. „Verwaltung, Anlieferung und Auslieferung gehen aber weiter“, sagt Lahmer. Angestellte aus dem Verkauf gehen nun anderen Tätigkeiten nach. Sie räumen etwa und bereiten die Ausstellung nach den strengen hygienischen Vorschriften auf die Zeit nach der Zwangspause vor. Ganz unvorbereitet habe ihn die Schließung nicht getroffen. „Unsere Blaupausen“, sagt der Geschäftsführer, „waren Italien und Österreich.“ Er habe allerdings nicht mit einer so schnellen Umsetzung gerechnet.

Unsicher begann der Dienstag für Autohäuser. Frank Schlesner, Sprecher des Autohandels im „Nienburg Service“ und Geschäftsführer vom Autohaus Südring, habe schließlich ein Schreiben des Volkswagen/Audi-Händlerverbandes erhalten, mit der Aufforderung, den Verkauf zu schließen. Die Werkstatt sei weiterhin geöffnet. Er werde am heutigen Mittwoch wohl Kurzarbeit beantragen, erklärt Schlesner. Außerdem wolle er mit seinen Händlerkollegen über die Problematik sprechen.

Besonders viel Arbeit komme derweil auf die Mitarbeiter im Werkstatt-Bereich zu. Weil nun viele ihr Auto nicht bräuchten oder Fahrschulen nicht unterwegs seien, gebe es vermehrte Terminanfragen. Dazu käme die Herausforderung, die erhöhten Vorsichtsmaßnahmen zu erfüllen - Autoschlüssel etwa kontaktlos zu übergeben.

Die Coronakrise treffe fast alle Unternehmer in der Region. „Bereits in den vergangenen Tagen wurden die Maßnahmen, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, drastisch intensiviert. Die Auswirkungen der mittlerweile als Pandemie eingestuften neuen Lungenkrankheit, auch auf die Wirtschaft, sind massiv“, sagt Andreas Raetsch, Leiter der Geschäftsstelle in Nienburg der Industrie- und Handelskammer (IHK). Viele Unternehmen und einzelne Branchenzweige seien mittlerweile in ihrer Existenz bedroht. „Uns erreichen zahlreiche Anfragen von besorgten Unternehmen, die von einer Schließung bedroht sind“, erzählt Raetsch.

Jetzt komme es vordringlich darauf an, die Unternehmen über die „schwierigen Wochen“ zu bringen. „Der Schlüssel dabei ist die Versorgung mit Liquidität“, sagt Stefan Noort, Abteilungsleiter Kommunikation der Industrie- und Handelskammer Hannover. Erste Hilfestellungen wie das Kurzarbeitergeld seien auf dem Weg, weitere müssten folgen: „Schnell und unbürokratisch“, fordert Noort. „Des Weiteren herrscht eine große Unsicherheit bei Mischbetrieben, die einen Einzelhandel für den nicht täglichen Bedarf und eine Post- oder Lottoannahmestelle unter einem Dach betreiben. Aktuell ist unklar, wie ein solcher Betrieb künftig geführt werden soll“, sagt Raetsch. Die IHK habe eine entsprechende Anfrage bei der Landesregierung gestellt und warte auf Antwort.