Gudrun Tissler-Berndt (Mitte), Sprecherin der Angehörigengruppe psychisch erkrankter Menschen, sowie ihre Stellvertreterin Hannelore Schiedlowsky (links) und Sigrid Simme, laden zu einer Vortragsveranstaltung unter dem Thema: %u201EDie Hoffnung trägt - Das Recovery Modell - Wege zur Genesung%u201C ein.

Gudrun Tissler-Berndt (Mitte), Sprecherin der Angehörigengruppe psychisch erkrankter Menschen, sowie ihre Stellvertreterin Hannelore Schiedlowsky (links) und Sigrid Simme, laden zu einer Vortragsveranstaltung unter dem Thema: %u201EDie Hoffnung trägt - Das Recovery Modell - Wege zur Genesung%u201C ein.

19.10.2014

Vom Pessimismus zum Optimismus

Angehörige von psychisch erkrankten Menschen laden ein / Vortragsveranstaltung am 22. Oktober

Nienburg. „Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. Psychische Krankheiten beginnen oft schleichend. Die Erkrankten sind vielfach nicht einsichtig. Ein Prozess, dem die Angehörigen der betroffenen Menschen meist hilflos gegenüber stehen. Spät, oft zu spät suchen sie Hilfe. Sie können nicht viel ausrichten bei volljährigen Angehörigen, und sie kennen sich nicht aus in den Versorgungsstrukturen. Ärzte und Therapeuten haben lange Wartezeiten, beim Sozialpsychiatrischen Dienst fürchten sie die Akte“, weiß Gudrun Tissler-Berndt. Sie kennt die Scham, die Vorurteile, die Angst vor der Diagnose. Dabei gibt es Hilfe. „Wir sind gut aufgestellt im Landkreis, jetzt mit Institutsambulanz und Tagesklinik. Ich versuche, anderen Angehörigen die Angst vor der Hilfe zu nehmen, sie aufzuklären, denn schnelle Hilfe kann Chronifizierung verhindern“, erklärt die Ansprechpartnerin der Gruppe der Angehörigen.

Angehörige würden oft ein Leben wie auf dem Pulverfass, in Angst und Sorge leben. Sie seien schon froh, wenn mal keine Katastrophe passiert.

Manchmal erfolge deswegen die Abkehr von den Erkrankten. Familie, Freunde wollen mit den Betroffenen nichts mehr zu tun haben. Sie verstehen die Krankheit und den Erkrankten nicht. „Dieser Weg ist zu einfach, denn die Erkrankten brauchen den Kontakt, das Bewusstsein um die Familie im Hintergrund gibt ihnen Halt und Kraft. Sie können dann schneller den Weg aus der Erkrankung schaffen. Sie brauchen soziale Kontakte“, erklärt Gudrun Tissler-Berndt.

Die Angehörigengruppe lebt vom Erfahrungsaustausch. Aufgeklärte Angehörige befänden sich im ständigen Spagat: zwischen dem Übernehmen von Verantwortung in Krisensituationen und dem Loslassen, das dem Erkrankten seine Eigenständigkeit ermöglicht. „Wir lernen in der Gruppe, Grenzen zu setzen, unsere eigenen Grenzen der Belastbarkeit zu erkennen und Kraftquellen zu finden. So können wir unser Leben leben und den Erkrankten bei Bedarf helfen.“

Eine Gruppe der Angehörigen von psychisch erkrankten Menschen gab es schon seit Ende der 1980er Jahre beim Sozialpsychiatrischen Dienst, seit 1999 nun als Selbsthilfegruppe mit Gudrun Tissler-Berndt als Ansprechpartnerin. Sie befindet sich landes- und bundesweit im ständigen Austausch mit Angehörigen, Betroffenen, beruflich Helfenden und der Sozialpolitik, ermöglicht anderen Angehörigen bundesweit an Fortbildungen teilzunehmen, gefördert unter anderem von den Krankenkassen.

In diesem Jahr wird die Selbsthilfegruppe nun 15 Jahre alt und lädt Betroffene, Angehörige, beruflich Helfende und alle Interessierten ein zu einer Veranstaltung am Mittwoch, 22. Oktober, um 16 Uhr in das Vestibül des Nienburger Rathauses. Das Thema lautet: „Die Hoffnung trägt - Das Recovery Modell - Wege zur Genesung“.

Prof. Dr. Michael Schulz aus Bielefeld wird einen Vortrag halten. Schulz ist hat den Forschungsschwerpunkt „Recovery“, ist Pflegewissenschaftler, Dozent an der Fachhochschule der Diakonie Bethel, Preisträger mehrerer Gesundheitspreise, Mitherausgeber diverser Fachzeitschriften und Fachbücher Herausgeber des Buches „Die Hoffnung trägt“.

In diesem Buch berichten ehemals psychisch erkrankte Menschen von ihrer „Recovery“-Genesungsgeschichte.

Eine dieser ehemals psychisch Erkrankten ist Dr. Angelika Filius aus Bielefeld. Sie berichtet beeindruckend von ihrem Weg in die Genesung und ihrer jetzigen Hilfe für andere Erkrankte.

Die Angehörigengruppe ist stolz, dass diese Experten zugesagt haben, auch in Nienburg das „Recovery“-Modell vorzustellen. Abschließend wird eine Ausstellung mit Fotos von Werner Krüper zum Buch „Die Hoffnung trägt“ im Vestibül des Rathauses eröffnet. Die Buchhandlung Leseberg hält im Oktober das Buch zum Vortrag und entsprechende Literatur am Lager und im Sonderfenster vor. Der Berufsbildungsbereich der Lebenshilfe verwöhnt mit Getränken und Häppchen. Die Musikgruppe „Einfach anders“ vom Verein „Blauwahl“ der Betroffenen aus Sulingen stimmt ein auf einen Hoffnung tragenden Nachmittag. DH

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Erstellt:
19. Oktober 2014, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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