Der 1936 angelegte Wehrmachtsschießstand am Westrand der Köhlerberge wurde nicht lange genutzt. Heute hat Laubwald die alten Schießbahnen und Wälle erobert.

Der 1936 angelegte Wehrmachtsschießstand am Westrand der Köhlerberge wurde nicht lange genutzt. Heute hat Laubwald die alten Schießbahnen und Wälle erobert.

Nienburg 02.01.2021 Von Ulrich Baade

Köhlerberge im Wandel: Von nackten Sanddünen zum Kiefernwald

Die wechselhafte Geschichte der Köhlerberge in Nienburg

Südwestlich von Nienburg, auf dem Geestrand der Weserniederung, liegt das kleine Waldgebiet Köhlerberge. Nicht jeder kennt heute noch die Bedeutung dieses Namens. Wurde dort vielleicht Köhlerei betrieben?

An einer Bushaltestelle und einem Trafohäuschen in der Nähe, ja sogar in einer Schutzgebietsverordnung findet sich die abweichende Schreibweise „Köhler Berge“. Wurde der Wald nach einem Ort benannt, ähnlich wie das Steinhuder Meer? Wenn ja, wo liegt dieses Köhl?

Auf dem Leintorfriedhof kommen wir des Rätsels Lösung näher. Dort, neben dem Westtor, befindet sich der Grabstein des Forstmeisters Heinrich Köhler. Geboren wurde er 1823 in Uchte, gestorben ist er 1898. Nach ihm wurden im Nienburger Leintor außer dem Wäldchen auch eine Straße und eine dort gepflanzte Linde benannt.

Auch der Name der Köhlerstraße geht auf den Forstmeister zurück.

Auch der Name der Köhlerstraße geht auf den Forstmeister zurück.

Die ursprüngliche Köhlerlinde war eine markante Erscheinung; ihre untersten Äste standen waagerecht ab wie bei einer volkstümlichen Tanzlinde. Sie musste aus Altersgründen vor einigen Jahren durch einen jungen Baum ersetzt werden. Leider tragen die Straßenschilder der Köhlerstraße keinen Hinweis auf ihren Namensgeber.

Die Rückseite eines alten Porträtfotos, das im Forstamt Nienburg aufbewahrt wird, verrät mehr. Heinrich Köhler war ab 1860 Revierförster in der Krähe, und ab 1869 leitete er die Königliche Oberförsterei Nienburg. Mit deren Umstrukturierung zum Preußischen Forstamt in den 1880er Jahren bekam Köhler die Amtsbezeichnung Forstmeister. Seinen Ruhestand, in den er 1897 versetzt wurde, konnte er nur ein knappes Jahr genießen.

Der Grabstein auf dem Leintorfriedhof: Die Inschrift lautet „Hier ruht der Forstmeister Heinrich Köhler geb. zu Uchte 10. Juli 1823 gest. 22. Sept. 1898“.

Der Grabstein auf dem Leintorfriedhof: Die Inschrift lautet „Hier ruht der Forstmeister Heinrich Köhler geb. zu Uchte 10. Juli 1823 gest. 22. Sept. 1898“.

Das besondere Verdienst von Heinrich Köhler war, dass er um 1870 die kahlen Flugsanddünen, die damals noch „Schäferhöfer Berge“ hießen, mit Kiefern aufforsten ließ. Der daraus aufwachsende, rund 55 Hektar große Wald wurde mit den Abteilungsnummern 225 bis 228 der Revierförsterei Nienburger Bruch zugeschlagen und diente auch als Naherholungsgebiet für die Nienburgerinnen und Nienburger. Nach Köhlers Tod wurde das Gebiet ihm zu Ehren in „Köhlerberge“ umbenannt.

Bei dem alten Namen „Schäferhöfer Berge“ werden geschichtskundige Nienburger aufhorchen: In dem so bezeichneten Gebiet soll sich im 30-Jährigen Krieg das Feldlager der Belagerungstruppen befunden haben. Der Legende nach fiel dort eine Gruppe mutiger Nienburger, das „Wählige Rott“, ein und eroberte die Fahne des kaiserlichen Feldherrn Tilly. Das so genannte „Tillyzelt“ gehörte übrigens nicht zur Beute, wie oft behauptet wird, sondern war nach historischen Quellen schon damals ein Ausschank beim Scheibenschießen, neben dem Tillys Fahne dann stolz gezeigt wurde.

Die alten Munitionsbunker verfallen nach und nach zwischen ihren Erdwällen. Für einen Abriss fehlte die finanzielle Bewilligung.

Die alten Munitionsbunker verfallen nach und nach zwischen ihren Erdwällen. Für einen Abriss fehlte die finanzielle Bewilligung.

Doch zurück zur jüngeren Geschichte. Schon 1936 war für lange Jahre wieder Schluss mit Waldromantik und Spazierengehen. Die Wehrmacht richtete in den Köhlerbergen ein militärisches Übungsgelände und einen Schießstand ein. Nach 1945 nutzten die Briten das Gelände als Sprengplatz, und von den 1950er bis in die 1990er Jahre fuhren die in Nienburg stationierten „Engineers“ dort mit ihren Panzern kreuz und quer.

Ausgediente Zivilfahrzeuge britischer Soldaten wurden im Gebiet der Köhlerberge in Nienburg entsorgt und mit Panzern überrollt - lange bevor sich das Areal erholen konnte. diese Aufnahme stammt von 1987.

Ausgediente Zivilfahrzeuge britischer Soldaten wurden im Gebiet der Köhlerberge in Nienburg entsorgt und mit Panzern überrollt - lange bevor sich das Areal erholen konnte. diese Aufnahme stammt von 1987.

Seitdem ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Narben sind zugewachsen, der Wald ergreift zunehmend wieder Besitz von den zerstörten Flächen. Der ursprüngliche reine Kiefernwald hat sich größtenteils zu Mischwald entwickelt. Vor allem Birken mit ihrer auffälligen weißen Rinde sind zahlreich vertreten, aber auch der Anteil der langlebigen und stabilen Eichen nimmt zu. Die Waldbestände wachsen auf dem mageren Sandboden sehr zögerlich und werden nur extensiv genutzt. Wie alle aktiven und ehemaligen Militärgelände werden auch die Köhlerberge von der Bundesforstverwaltung betreut. Sie gehören heute zum Forstrevier „Wesertal“ des Bundesforstamts Wense. Die Waldwege, die so lange Zeit von Panzern und danach illegal von Motocrossfahrern aufgewühlt wurden, laden wieder zum Spazierengehen ein. Und wer mit offenen Augen und nicht allzu laut unterwegs ist, kann dort auch Rehen und Hasen begegnen.

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Erstellt:
2. Januar 2021, 16:55 Uhr
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