Jawid Sadeqi hat wegen eines Behördenirrtums zweimal im Jahr Geburtstag: am 4. April und am 17. September. CJD Nienburg

Jawid Sadeqi hat wegen eines Behördenirrtums zweimal im Jahr Geburtstag: am 4. April und am 17. September. CJD Nienburg

Nienburg 30.12.2017 Von Jawid Sadeqi

Warum ganz viele Flüchtlinge am 1. Januar Geburtstag haben

CJD-Projekt „Willkommen in Nienburg“ / Heute: Der gregorianische und der Sonnenkalender. Und der Fehler der Behörde

Nienburg. Wenn man mit Flüchtlingen zu tun hat, fällt auf, dass ganz viele am 1. Januar Geburtstag haben. Man fragt sich, wie kann das sein?

Zuerst muss ich zwei Punkte erwähnen:

  • Warum ist das Geburtsdatum von vielen Flüchtlingen auf den 1. Januar datiert?
  • Warum habe ich zwei Mal im Jahr Geburtstag?

Hier die Antworten: Sie lesen diesen Text im Jahr 2017. Im Iran und in Afghanistan haben wir das Jahr 1396. Das heißt, wir benutzen zwei Kalender: den gregorianischen Kalender (2017) und den Sonnenkalender (1396). Die ausländischen Institutionen in Afghanistan benutzen den gregorianischen Kalender. Die Menschen leben aber nach dem Sonnenkalender. Der Sonnenkalender ist im Iran und Afghanistan der offizielle Kalender.

Der Sonnenkalender beginnt mit der Reise des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina, etwa im Jahr 622 nach Christus. Das bedeutet die beiden Zeitrechnungen sind 622 Jahre auseinander.

Jetzt wissen Sie, dass wir es im Iran und in Afghanistan mit dem Jahr 1396 zu tun haben. Was hat das aber mit dem Geburtstag am 1. Januar bei Flüchtlingen zu tun?

In Wirklichkeit sind die Flüchtlinge natürlich nicht am 1. Januar geboren. Die Auswanderung nach Europa hat für diese Flüchtlinge nicht nur deren Identität, sondern auch deren Geburtstag verändert. 2015, als die meisten Flüchtlinge kamen, fragten die Behörden unter anderem nach dem Geburtsdatum. Viele wussten den Geburtstag, kannten aber den gregorianischen Kalender und die Umtauschformel nicht und viele wussten nicht mal ihren eigenen Geburtstag. Daher suchten sie den einfachsten Weg und sagten nur: 1.Januar.

Ich bin nicht am 1. Januar geboren. Meine Geschichte ist noch lustiger. Ich bin vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Mutter hat mich am 26. Sonboleh (der 6. Monat im Sonnenkalender) im Jahr 1371 zur Welt gebracht. Umgerechnet ist dies der 17. September 1992. Ich weiß, wann ich Geburtstag habe, und wenn jemand mich hier danach fragt, antworte ich: am 17. September 1992 und in Afghanistan am 26. Januar 1371.

Das ist kompliziert, ich weiß. Für mich ist es noch komplizierter, da ich wie viele andere Flüchtlinge zwei Mal im Jahr Geburtstag habe. Ich bin nicht zwei Mal geboren worden, bin aber wie viele andere das Opfer des Verwaltungswesens.

Irgendwo auf dem Weg hat ein Flüchtlingsbüro mir als Geburtsdatum den 4. April 1992 in den vorläufigen Ausweis eingetragen. Fragen Sie mich nicht nach dem warum. Jetzt steht in allen Unterlagen und Akten, die es über mich in Deutschland gibt, dieses Geburtsdatum.

Ich besitze eine Geburtsurkunde aus meiner Heimat. In dieser Geburtsurkunde steht nur das Geburtsjahr: 1371. Das Problem ist, dass in Afghanistan erstaunlicherweise der Geburtstag und der Monat nicht in die Urkunde eingetragen werden, nur das Jahr.

Ich weiß, dass es etwas absurd ist, aber absurder wird es, wenn man dann auch noch Flüchtling in Deutschland ist.

In den letzten zwei Jahren habe ich am 4. April eine ganze Menge netter E-Mails, Post, SMS und Anrufe von meinen lieben deutschen Freunden, Kollegen und Nachbarn bekommen. Die Aufklärungsarbeit ist nicht einfach. Auf der anderen Seite feiere ich meinen Geburtstag am 17. September. Ich lade aber viele deutsche Freunde nicht zu der Feier, da sie mich schon am 4 April beschenkt haben oder mit einem Kuchen vorbeigekommen sind. Wie soll ich es erklären?

In den letzten zwei Jahren hat es mich viel Zeit und Mühe gekostet, jedem einzelnen Freund diesen komplizierten Sachverhalt zu erklären. Zum Glück sieht es bei meiner Tochter anders aus. Sie ist am 25. Januar 2017 geboren. Punkt.

Klar, man kann das Geburtsdatum vom 4. April auf den 17. September ändern lassen. Aber haben Sie an die Verwaltungsmaschinerie in Deutschland gedacht? Das ist keine einfache Aufgabe.

Stellen Sie sich vor, ich nehme es mir wirklich vor. Wo soll ich anfangen: meine alten Arbeitsverträge, Bank, mein neuer Arbeitsvertrag, sämtlich Urkunden und Bescheinigungen, Ausweis u.s.w. Und wenn ich etwas vergesse? Das ist ein Fass ohne Boden!

Vielleicht sollte ich den Weg des kleinsten Widerstands gehen und einfach akzeptieren, dass ich am 4. April Geburtstag habe und nicht am 17. September. Es ist aber eine Unwahrheit, da kein Mensch zwei Mal geboren wird.

Die arabische Version des nebenstehenden Textes CJD

Die arabische Version des nebenstehenden Textes CJD

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Erstellt:
30. Dezember 2017, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 14sec

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