Was würde ein Gasstopp für Deutschland bedeuten?

Was würde ein Gasstopp für Deutschland bedeuten?

Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung). Foto: Stefan Sauer/dpa

Russland liefert kein Erdgas mehr nach Polen und Bulgarien. Was bedeutet das für Deutschland? Ein Überblick.Bezieht Deutschland noch Erdgas aus Russland?Ja, vor allem durch die Pipeline Nord Stream 1, die Erdgas durch die Ostsee aus Russland direkt nach Deutschland leitet. Lag der Anteil russischer Gaslieferungen in Deutschland im vergangenen Jahr bei 55 Prozent, liegt er laut Wirtschaftsministerium zurzeit bei 35 Prozent. Bis zum Jahresende soll er auf etwa 30 Prozent gesenkt werden, vor allem durch den Kauf von verflüssigtem Erdgas, sogenanntem LNG. Bis Sommer 2024 hält die Bundesregierung einen weiteren Rückgang des Anteils auf 10 Prozent des Verbrauchs für möglich.Ist die Gasversorgung in Deutschland gesichert?Ja und nein. Es kommt darauf an, welchen Zeitraum man betrachtet. „Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist derzeit gewährleistet“, sagt die Bundesnetzagentur. „Die Einstellung von russischen Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien hat bislang keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit in Deutschland.“In einem Bericht des Wirtschaftsministeriums an den Bundestag vom Mittwoch ist allerdings die Rede von einer „akuten Gefahr, dass die Situation weiter eskaliert und russische Gaslieferanten ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht oder nur eingeschränkt erfüllen“. Dies wäre für die Gasversorgungslage in Deutschland kurz- bis mittelfristig kritisch. Hintergrund sei die Forderung Russlands, Zahlungen in Rubel abzuwickeln, dem sich die G7-Staaten widersetzen.Warum will die Bundesregierung nicht einfach auf Erdgas aus Russland verzichten?Die Bundesregierung befürchtet weitreichende Folgen unter anderem für die Wirtschaft. Kanzler Olaf Scholz hat mehrfach deutlich gemacht, dass aus Sicht Berlins in einem solchen Fall ganze Industriezweige in Deutschland bedroht seien. Das Wirtschaftsministerium rechnet bei einem Lieferstopp mit einer Rezession, also einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung.Was passiert, wenn Russland auch die Lieferungen nach Deutschland einstellt?Dann würde die höchste Stufe des Notfallplans Gas in Kraft gesetzt, die Notfallstufe. Die Netzagentur würde dann das knappgewordene Gas verteilen. Bestimmte Verbrauchergruppen sind gesetzlich besonders geschützt und möglichst bis zuletzt mit Gas zu versorgen. Dazu gehören Haushalte und soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser, aber auch Gaskraftwerke, die gleichzeitig Wärme liefern oder für die Stromerzeugung nötig sind.Die erste Stufe des Notfallplans wurde Ende März in Kraft gesetzt. Seitdem behält ein Krisenteam aus Experten von Energieversorgern und Behördenvertretern die Versorgungslage im Blick, fast täglich. Gleichzeitig erhebt die Netzagentur Daten von Netzbetreibern und demnächst auch Großverbrauchern, um im Notfall Liefermengen verringern zu können. Deutschland bereitet sich also auf den Ernstfall vor.Welche Rolle spielen die Gasspeicher in Deutschland?Die Gasspeicher gleichen Schwankungen beim Gasverbrauch aus und bilden damit eine Art Puffersystem für den Gasmarkt, auch preislich. Für gewöhnlich sind die Speicher mit Beginn der Heizperiode im Herbst gut gefüllt. Bis zum Frühjahr nehmen die Füllstände dann ab. Nachdem die Speicher im vergangenen Winter zeitweise historisch niedrige Füllstände aufwiesen, sollen sie im kommenden Winter deutlich besser gefüllt sein. Ein neues Speichergesetz schreibt dies vor. Es soll dafür sorgen, dass sie am 1. Dezember zu 90 Prozent gefüllt sind. Deutschland verfügt in Mittel- und Westeuropa über die größten Speicherkapazitäten für Erdgas. Bis dahin muss noch viel eingespeichert werden: Am Montag lag der Füllstand bei 33,5 Prozent. Tendenz steigend.Wie hat der Energiemarkt auf die Gaslieferstopps nach Polen und Bulgarien reagiert? Sind die Großhandelspreise gestiegen?Auf dem europäischen Markt gelten die Preise am Handelspunkt Dutch TTF als richtungsweisend. Der Preis für Gaslieferungen im Mai sprang dort am Mittwochmorgen um rund 16 Prozent auf 115 Euro je Megawattstunde. Am Nachmittag lag er bei gut 107 Euro. Zum Vergleich: Anfang März kletterten die Preise bis auf 212 Euro.Welche Auswirkungen könnte das auf die Endverbraucherpreise haben?„Weitere Preissteigerungen für die Haushalte sind vorprogrammiert, auch bei stagnierenden Preisen“, sagt der Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Udo Sieverding. Verbrauchern rät er, Kosten zu senken: „Energie sparen, was das Zeug hält.“ Wer könne, solle den Sommer nutzen, um den Verbrauch im Winter zu reduzieren, etwa Heizungsrohre dämmen oder Fenster abdichten. Im Sommer seien Handwerker leichter zu bekommen als im Winter. Mietern empfahl er, schon mal Geld für die erwartbar große Nachzahlung beiseitezulegen. „Es kann auch sinnvoll sein, schon unterjährig die Abschläge zu erhöhen.“Über die Verlängerung der jetzt abgedrehten Jamal-Pipeline kam in der Vergangenheit auch Gas nach Deutschland. Welche Bedeutung hat diese Pipeline für die Erdgasversorgung? Im Moment keine. Etwa seit Weihnachten floss an den meisten Tagen kein Gas durch diese Pipeline nach Deutschland. Der Großteil des russischen Gases fließt durch Nord Stream 1. Der Rest kommt über das bayerische Waidhaus nach Deutschland.Wie viel Geld fließt für Energielieferungen aus Deutschland nach Russland und in welcher Währung?Wie viel Geld für Energielieferungen täglich aus Deutschland nach Russland fließt, lässt sich nicht klar beziffern. Für eine ungefähre Größenordnung kann ein Rückblick ins Jahr 2021 hilfreich sein: Die Bundesregierung gibt an, dass aus Deutschland in dem Jahr täglich für Öl, Kohle und Gas durchschnittlich rund 61 Millionen Euro nach Russland flossen. Diese Summe kann von der aktuellen Summe aus verschiedenen Gründen abweichen, etwa weil die Menge der Importe nach Beginn des Ukraine-Kriegs bereits verringert wurde, weil sich die Preise verändert haben oder weil es möglich ist, dass von der für die 2021er-Berechnung herangezogenen Gasmenge ein Teil in andere EU-Länder weitergeleitet wurde.Nach Schätzungen des Ökonomen Simone Tagliapietra vom Wirtschaftsinstitut Bruegel gab die EU Anfang April täglich 15 Millionen Euro für Kohle aus Russland aus, etwa 400 Millionen Euro für russisches Gas sowie 450 Millionen Euro für Öl aus dem Land.