Heutzutage kein seltenes Bild mehr: Schließlich muss der #fancy #coffee schnell bei Instagram hochgeladen werden. premiumicon/Eugenio Marongiu

Heutzutage kein seltenes Bild mehr: Schließlich muss der #fancy #coffee schnell bei Instagram hochgeladen werden. premiumicon/Eugenio Marongiu

#TGIF 08.12.2017 Von Kristina Senning

„Wenn ich groß bin, werde ich Influencer“

Fünf Schritte, um Ruhm und Ehre in der #instawelt zu erlangen

So manchem Elternteil bleibt wohl das frisch geschmierte Frühstücksbrötchen im Mund stecken, wenn der Nachwuchs aufgeregt von seinen Zukunftsplänen berichtet. Influencer werden – das ist der Traum so manch eines Sprösslings. 'Influenza? Ist das nicht eigentlich die Grippe?' wird der ein oder andere erschrocken fragen. Nein, tatsächlich kommt das Wort aus dem Englischen, bedeutet wörtlich übersetzt „beeinflussen“ und hat recht wenig mit der Krankheit zu tun. Gut, beeinflussen kann man vermutlich auch beim Restaurant zur goldenen Möwe, wenn man nur grimmig genug drein schaut. Doch das ist es nicht, was einige Menschen heutzutage anstreben. Sie wollen auf den sozialen Netzwerken bekannt und berühmt werden, allen voran Instagram: Ein Netzwerk, das hauptsächlich aus hochgeladenen Bildern und Videos der Nutzer besteht. Das Jetset-Leben genießen, bei dem es viel geschenkt und vor allem bezahlt gibt. So etwas sind natürlich besonders beliebte Motive. Der Influencer-Marktwert wird an den Followern gemessen, ihre Beliebtheit an Likes.

Klingt gut? Dann fehlt ja eigentlich nur noch eine „Wie werde ich Influencer“-Liste, bestenfalls in zehn, nein eigentlich sogar lieber in fünf Schritten. Also, legen wir mal los.

  • Punkt 1: Das Smartphone. Es wird zu deinem besten Freund, und wenn der Akku auf dem schicksten Festival der Welt gen 2 Prozent geht, verkaufst du deine Seele. Puh, Glück gehabt. Mit der lassen sich sowieso keine Fotos schießen. Und LTE hat die vermutlich auch nicht.
  • Punkt 2: Viel Geld. Ja genau, richtig gelesen. Denn wer Influencer werden möchte, sollte auch eine Menge Schotter investieren. Wie sonst lässt sich der langsam wachsenden Anhängerschaft das prunkvolle Leben mit prickelndem Schampus und schicker Designertasche vorleben? Die vielen Reisen? Das Schnorcheln? Der Fallschirmsprung? Eine Spiegelreflexkamera ist natürlich auch ein Muss, denn ein einfaches Handy-Foto reicht in der Regel nicht aus. Und Photoshop.
  • Punkt 3: Mitgliedschaften in mindestens drei unterschiedlichen Fitnessstudios. Wieso so viele? Weil doch sonst irgendwann immer der selbe Hintergrund bei den schicken Sportselfies auftaucht. Ist doch klar. Und gesundes Essen, denn die Instagram-Welt lebt von gebräunten Sixpacks, ausgestreckten Hinterteilen und stets frischen Foodbowls.
  • Punkt 4: Viel Zeit. Wer Influencer werden möchte, sollte mehr als ein paar Augenblicke täglich einplanen. Einen herkömmlichen Fulltime-Job kann sich da eigentlich keiner mehr leisten. Bis das ultrahippe Essen, der Kakao mit Sahne und Kirsche ontop oder das fünfzehn Euro teure Dessert ins richtige Licht gerückt ist, braucht es Zeit. Außerdem müssen die Follower in den Storys stets mitbekommen, wie aufregend der Alltag des Influencers doch ist.
  • Punkt 5: Das 1x1 des Hashtags setzen. Wer zu viele Hashtags setzt ist uncool, der sucht schließlich nach Aufmerksamkeit. Am besten werden sie in einem weiteren Kommentar gepostet, dann sieht es nicht ganz so bedürftig aus. Doch irgendwie muss man ja auch berühmt und bekannt werden. Deshalb gibt es sogar Apps, die die beliebtesten Hashtags ausrechnen. #tgif zum Beispiel ;-)

Und dann? Dann fließt das Geld irgendwann in hohen Summen, pro Posting mit mehreren hundert Euro vergütet, vielleicht sogar Tausend – man kann es nur erahnen, denn wer wieviel genau verdient, das ist natürlich ein gut gehütetes Geheimnis. Mindestens 1.000 Anhänger sind übrigens ein Muss. Instragram-Königin Selena Gomez hat beispielsweise 129 Millionen Fans und verdient angeblich mit einem Posting bis zu 500.000 Dollar.

Doch mal ehrlich: Dass das Leben eines großen Influencers (!) sehr anstrengend sein kann, das ist absolut klar. Schließlich gibt es beim Social-Media-Riesen keine Festanstellung. Wie lange sich der Ruhm hält ist ungewiss, wann der nächste Shitstorm folgt, recht unberechenbar.

Schade ist jedoch, dass die Meinung der Menschen, zumeist Blogger, eben keine mehr ist. Sondern schlichtweg häufig erkaufte Werbung. Auch wenn sie ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, so gibt es fast gar keine Individualität mehr. Keines der Bilder schreit: „Einzelstück!“ sondern viel mehr „Plagiat #1.289.012.012“. Kaum eines ist spontan entstanden, sondern mindestens so aufwendig gestaltet, wie ein Shooting bei der Vogue. Vieles ist mehr Schein, als Sein.

Dabei ist das Wort „influence“ doch alles andere, als schlecht. Es bedeutet Bewegung - statt Stillstand. Den Wunsch, etwas zu erreichen. Man selbst zu sein, und sich doch stets weiter zu entwickeln. Also liebe Kinder – werdet ruhig Influencer. Aber vielleicht doch lieber außerhalb der #instawelt.

Zum Artikel

Erstellt:
8. Dezember 2017, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.