Timo Schwiersch DH

Timo Schwiersch DH

#tgif 02.03.2018 Von Timo Schwiersch

Wer erzieht hier wen?

Als ich neulich einkaufen war, kam ich nicht umhin, moderne Kindererziehung hautnah miterleben zu dürfen. Während ich gerade dabei war, den Inhalt meines Einkaufswagens Stück für Stück auf das Förderband zu legen, stellte sich hinter mir eine Mutter mit einem Mädchen im Kindergartenalter an.

Es dauerte nur einen Wimpernschlag, da hatte das Mädchen auch schon eines der im Kassenbereich aufgebauten Überraschungseier in der Hand. Ihrem Wunsch, dieses auch zu kaufen, verlieh die 4-Jährige mit einem genauso präzisen wie forderndem „Ü-Ei!“ Nachdruck.

Wer nur laut genug schreit...

„Nein, Lea-Sophie, wir haben schon so viele Süßigkeiten eingekauft. Leg das bitte weg“, versuchte die bemühte Mutter die Situation zu klären. Doch ich ahnte schon, wohin das führt, als das Lea-Sophie mit dem Fuß aufstampfte und ihre Forderung etwas lauter wiederholte: „Ü-Ei!“

Während die Mutter mit höflichen Worten versuchte, ihre vierjährige Tochter argumentativ davon zu überzeugen, dass es heute kein Überraschungsei gibt, demonstrierte Lea-Sophie, wie wenig empfänglich Vierjährige im Allgemeinen – und Lea-Sophie im Speziellen – für sorgsam abgewogene Argumente sind, und warf sich mitsamt dem Ü-Ei laut schreiend auf den Boden. (Ungefähr so wie im Video rechts)

Während die Mutter noch versuchte, ihre Tochter zu beruhigen, hatte Lea-Sophie bereits beim ersten Sichtkontakt mit den Überraschungseiern die Kaufentscheidung für ihre Mutter getroffen und duldete keine Diskussion. Die Vierjährige hatte sich ihre Mutter gut erzogen. Und die Mutter gab ihr mit ihrem Verhalten Recht, denn natürlich bekam Lea-Sophie das begehrte Ü-Ei – quittiert von einem triumphierenden Grinsen. Lea-Sophie hatte – offensichtlich mal wieder – einen Sieg über ihre Mutter errungen.

Die Situation kennt fast jeder

Natürlich kenne ich als Vater zweiter Töchter auch Situationen, in denen die Kinder ihre Grenzen austesten und versuchen, ihre Eltern durch unangenehmes Verhalten ihren Willen aufzudrücken. K1 war diesbezüglich eigentlich auch immer sehr pflegeleicht war und gab sich tatsächlich lange Zeit mit den Worten: „Das ist nicht im Angebot“ zufrieden. Die Argumentation mussten wir zwar etwas anpassen, nachdem sie gelernt hatte, was „im Angebot“ bedeutet und wie sie es erkennt, im Zweifel reichte aber meistens ein energisches „Nein“, um eine aufkeimende Diskussion ohne oben beschriebene Peinlichkeiten zu beenden.

Die kleine Schwester ist da schon etwas hartnäckiger. K2 hat lange versucht, ihrem Willen mit ein paar Tränen mehr Gewicht zu verleihen. Einzusehen, dass sie damit – zumindest bei Mama und Papa – eher wenig Erfolg hat, brauchte eine gewisse Zeit.

Höhepunkt war tatsächlich eine Situation wie ich sie oben beschrieb. Wir waren in Hannover in einem großen Kaufhaus in der Spielwarenabteilung und suchten nach einem Geburtstagsgeschenk. K2, damals ebenfalls etwa 4 Jahre alt, hatte sich nach einiger Zeit für einen kleinen Lerncomputer entschieden. Damit waren wir grundsätzlich einverstanden, ein kurzer Check im Internet ergab aber, dass das ausgesuchte Spielzeug ein Auslaufmodell war und die neuere Version hier im Laden noch nicht verfügbar war. Obendrein sollte das Auslaufmodell deutlich mehr kosten als der Online-Preis für das aktuelle Modell.

Oscar für die glaubhafteste Kindesentführung

Ein „Nein, das kaufen wir woanders“ war in diesem Moment das Letzte, was meine Tochter von mir hören wollte. Als ich das Elektronikspielzeug wieder aus ihrer Hand nahm und ins Regal stellte ging die Sirene an: „Ich will das aber jetzt haben!“ Schnell war klar, dass das jetzt schreiende Kind in einer Einbahnstraße der Gefühle gefangen war und sich ohne das Spielzeug nicht mehr beruhigen lassen würde. Doch ihr jetzt ihren Willen zu lassen wäre das falsche Signal gewesen. Also stapfte ich mit einem schreienden Kind auf dem Arm zügig vier Rolltreppen hinunter, um das Kaufhaus zu verlassen, während meine Frau mit K1 ihre Einkäufe in Ruhe abschlossen.

Bis heute wundere ich mich, dass mich bei dieser Aktion damals niemand angesprochen oder aufgehalten hat. Schließlich hatte ich ein Kind auf dem Arm, das offenbar gegen seinen Willen und mit schnellen Schritten die Rolltreppe herunter getragen wurde, während es aus voller Kehle: „Ich will zu Mama!“ rief. Glaubhafter hätte man eine Kindesentführung kaum darstellen können.

Aufgehalten hat mich jedenfalls niemand. Fragt sich nur rückblickend, ob die beobachtenden Eltern in dieser Situation eher Bewunderung für mein resolutes Handeln empfanden, oder einfach nur Mitleid für einen Vater, der einem Kind in der Öffentlichkeit seine Grenzen aufzeigen musste. In diesem Moment aber wusste ich, dass ich richtig handele. Und als Fazit bleibt nur zu sagen, dass es eine solche Situation seitdem nie wieder gegeben hat. Also, liebe Eltern, mein Tipp an euch: Stark sein und auch mal „nein“ sagen, auch wenn es nicht immer leicht fällt.

Es ist manchmal aber auch nicht leicht. Monkey Business / Adobe Stock

Es ist manchmal aber auch nicht leicht. Monkey Business / Adobe Stock

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Erstellt:
2. März 2018, 18:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 24sec

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