Keine Arbeit in den Werkstätten, Einkaufen untersagt: Die von der Lebenshilfe betreuten Menschen nutzen die Zeit unter anderem auch zu einem Spiel im Garten. Foto: Lebenshilfe

Keine Arbeit in den Werkstätten, Einkaufen untersagt: Die von der Lebenshilfe betreuten Menschen nutzen die Zeit unter anderem auch zu einem Spiel im Garten. Foto: Lebenshilfe

Landkreis 13.04.2020 Von Die Harke

Wer für Wohnheim einkauft ...

Corona-Virus stellt Menschen mit Behinderungen, aber auch Lebenshilfe-Beschäftigte vor Herausforderungen

Es gibt wohl niemanden, den das Corona-Virus nicht in seinem Leben beeinträchtigt. Eine besondere Qualität haben die durch die Pandemie ausgelösten Veränderungen für Menschen mit Behinderungen, die bei der Lebenshilfe Nienburg gGmbH leben und arbeiten. Teilhabeassistent Marcin Binieda könnte ein Buch darüber schreiben.

„Normalerweise“, sagt der 43-Jährige, „gehen die meisten unserer Bewohner selbst einkaufen. Das sollen sie jetzt aber nicht mehr.“ Also absolvieren Binieda und seine Kollegen regelmäßig Großeinkäufe. Die Lebenshilfe Nienburg gGmbH hat sieben Wohngruppen plus drei Wohnheime – von der kleinen Dreier-WG bis zu Einrichtungen wie denen an der Ernstingstraße in Nienburg oder am Sünkenberg in Stolzenau.

Teilhabeassistent Marcin Binieda. Foto: Lebenshilfe

Teilhabeassistent Marcin Binieda. Foto: Lebenshilfe

Ein Einkauf für ein komplettes Wohnheim ist körperlich eine Herausforderung, die Beschäftigen müssen gut organisieren und packen können, und es kostet Zeit: „Heute war ich zweieinhalb Stunden unterwegs“, berichtet Marcin Binieda, denn er hat den Anspruch, keine Kasernen-Einheitsverpflegung auf den Tisch zu bringen, sondern die individuellen Wünsche der Bewohner und Bewohnerinnen möglichst zu berücksichtigen. Schließlich würden sie ja gern für sich selbst sorgen – sie können es aktuell nur nicht mehr.

Dass er sich in Corona-Zeiten keine Freunde macht, wenn er einen übervollen Einkaufswagen durch die Gänge bugsiert, war dem Teilhabeassistenten früh klar. „Ich habe mit verschiedenen Marktleitern gesprochen, um sicherzustellen, dass wir so viel einkaufen können, wie eben nötig ist“, berichtet er. Trotzdem braucht Binieda beim Einkauf ein ausgeglichenes Gemüt. „Es herrscht ja eine besondere Atmosphäre.

Unsere Werkstätten sind zu. Das heißt, unsere Bewohner können nicht mehr zur Arbeit. Und sie können auch nicht einkaufen gehen. Das ist für sie wirklich übel!

Marcin Binieda, Teilhabeassistent

Man geht sich aus dem Weg, es wird nicht geredet. Aber so im Vorbeigehen gibts dann schon leichte verbale Entgleisungen von anderen Kunden.“ Der Nienburger hat dafür Verständnis: „Das steht mir ja nicht auf der Stirn, dass ich für ein ganzes Wohnheim einkaufe.“

Einmal, erzählt er, hatte er unter anderem drei Tüten Nudeln aufs Band gelegt. Die Kassiererin nahm eine weg: „Sie kriegen nur zwei Tüten.“ Er erklärte ihr, warum er so viele Nudeln kauft. „Da warf sie die dritte Tüte wieder aufs Band: ,Na gut, da haben sie es.“ Vielleicht habe die Mitarbeiterin seine Geschichte für eine – gute – Ausrede gehalten, man weiß es nicht.

So ein Einkauf für eine Lebenshilfe-WG fällt stets groß aus. Foto: Lebenshilfe

So ein Einkauf für eine Lebenshilfe-WG fällt stets groß aus. Foto: Lebenshilfe

Die praktische Bewältigung von Einkauf und Verpflegung sei aber nur ein Teil der aktuellen Herausforderungen. Für die Menschen mit Behinderungen, die bei der Lebenshilfe Nienburg gGmbH wohnen, geht es auch um den Tagesablauf, erklärt Binieda: „Unsere Werkstätten sind zu. Das heißt, unsere Bewohner können nicht mehr zur Arbeit. Und sie können auch nicht einkaufen gehen. Das ist für sie wirklich übel!“

„Das Miteinander ist für unsere Bewohner entscheidend“, betont der zustände Einrichtungsleiter Bernd Sandmann. Und das nicht nur, um die Corona-Krise zu bewältigen. Er beschreibt es als „fordernd“ für die Mitarbeitenden der Lebenshilfe Nienburg gGmbH, Menschen mit kognitiven Einschränkungen unter diesen Voraussetzungen zu helfen, den Tag sinnvoll zu gestalten. In der Wohngruppe am Berliner Ring wird beispielsweise viel gebastelt; außerdem wird draußen Gemüse angebaut. Im Wohnheim Ernstingstraße werden gemeinsam Hochbeete gebaut und bepflanzt.

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Erstellt:
13. April 2020, 17:35 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 37sec

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