Leere Lange Straße. Fotos: Hildebrandt

Leere Lange Straße. Fotos: Hildebrandt

Nienburg 17.03.2020 Von Arne Hildebrandt

„Wer zahlt jetzt unsere Mieten und Gehälter?“

Schotten dicht in der Innenstadt: Wir haben uns bei den Händlern umgehört

Die Corona-Krise wirkt sich massiv auf das Geschäftsleben im Landkreis Nienburg aus. Fast alle Geschäfte haben auf Anweisung der Bundesregierung seit gestern bis zum 18. April geschlossen. In Nienburgs Innenstadt sind die Folgen zu spüren: Gestern waren deutlich weniger Menschen als üblich unterwegs.

Einige Geschäfte hatten dennoch morgens auf. Zum einen, um Lieferungen anzunehmen. Zum anderen, weil sie auf die Anweisung ihre Chefs oder der Firmenzentrale warteten. „Ich kann nicht einfach zumachen“, sagte eine leitende Verkäuferin von Thalia. Sie brauche eine schriftliche Anordnung. Einige Kettenläden verwiesen auf die Möglichkeit, bei ihnen 24 Stunden am Tag im Internet einkaufen zu können.

Die Lange Straße

Die Lange Straße

Vereinzelt versuchten Kunden, noch etwas zu ergattern, wo es möglich ist. Um zehn Uhr morgens war auch der Schuhpark an der Langen Straße noch geöffnet. „Ich weiß auch nicht, warum“, sagte eine Verkäuferin. Zwei paar Schuhe habe sie schon verkauft. Als sie es sagt, kommt die nächste Kundin in den Laden.

„Wir haben nur noch offen, weil wir die Pakete annehmen. Gleich sind die Schotten dicht“, sagte ein Verkäufer von Ringfoto. Dessen Juniorchef Stefan Kemnitzer wartete ebenfalls auf ein offizielles Aus. „Wie fangen wir das auf? Ich sehe noch keine Entschädigung. Wir sind Handwerker, eigentlich dürften wir auf haben“, sagt er.

Stefan Kemnitzer, Juniorchef von Ringfoto, macht sich Sorgen: Wer zahlt jetzt unsere Mieten und Gehälter?

Stefan Kemnitzer, Juniorchef von Ringfoto, macht sich Sorgen: Wer zahlt jetzt unsere Mieten und Gehälter?

Er macht sich Sorgen wegen der Schließung: „Das wird deutschlandweit Spätfolgen haben. Wir machen dicke Backen, haben Mieten zu zahlen, die nicht ganz niedrig sind, und Gehälter. Die Schließung ist hochgradig existenzbedrohlich. Die Vermieter sollten uns Geschäftsleuten entgegenkommen, sie müssen sich solidarisch erweisen. Schließlich sind leer stehende Geschäfte auch nicht gut. Wenn den Kleinen nicht geholfen wird, hängt ein ganz anderer Rattenschwanz dran.“

Warum, so fragt Kemnitzer, „darf der Wochenmarkt aufhaben, wo jeder im Obst rumgrabbeln und draufhusten kann? Warum gehören Friseure und Drogerien zur Grundversorgung?. Warum darf ein Restaurant bis 18 Uhr auf haben und nicht bis 21 Uhr? Das ist Wischiwaschi.

Dieser Monat ist wegen der Coronakacke schon ganz schlimm gewesen, aber die Schließung, die setzt noch den Gnadenschuss.“

Kemnitzer repariert auch Mobiltelefone. „Wir haben jetzt einen Notdienst für Handys und Tabletts eingerichtet und holen die Sachen ab“, sagt er.

Lkw-Fahrer Frank Hornig (51): „So leer war die Stadt noch nie.“ Sein Chef gab ihm Desinektionsmittel.

Lkw-Fahrer Frank Hornig (51): „So leer war die Stadt noch nie.“ Sein Chef gab ihm Desinektionsmittel.

„Alle haben Angst. So leer war die Innenstadt noch nie“, sagte Frank Hornig (51) aus Hannover. Seit 25 Jahren fährt er Lkw. So etwas habe er noch nie erlebt. Mit seinem 7,5-Tonner lieferte er gestern Morgen der Neuen Apotheke Handschuhe. „Gestern hatte ich das Auto voller Toilettenpapier. Hätte ich gesagt, ,macht es leer’, wäre ich in einer Viertelstunde nach Hause gefahren“, sagt er und schmunzelt.

So leer war die Innenstadt noch nie.

Frank Hornig (51), Hannover.

Sein Chef habe an jeden Fahrer Desinfektionsmittel verteilt. „Die Flasche kostet vier Euro, jetzt könnte man die für 25 Euro verticken.“

Hornig fragt sich: „Wir weit mag es noch gehen? Etwa Kurzarbeit? Dann geht es an die Gehälter.“

Krankenschwester Renate Vogelsang kaufte Füllmaterial zum Handarbeiten.

Krankenschwester Renate Vogelsang kaufte Füllmaterial zum Handarbeiten.

Renate Vogelsang (60) freute sich. Sie konnte noch mal eben schnell Füllmaterial für Betten kaufen. Sie häkelt Schweinchen und Elche, dafür braucht sie es. Sie wollte demnächst Geburtstag feiern. Die Feier hat die Krankenschwester wegen Corona abgesagt. Auch eine Fahrt nach Hamburg hat sie nun gestrichen. Das Hotel war schon gebucht. Doch auch Reisen sind nicht mehr erlaubt.

Bei Kolossa kam eine Kundin aus dem Laden. „Hier ist zu. Ich habe nur etwas abgeholt“, entschuldigt sie sich. Eine Verkäuferin rief unterdessen pausenlos Kunden an, dass ihre geänderten Kleidungsstücke abgeholt werden können – und sollten.

Gähnende Leere auf der langen Straße.

Gähnende Leere auf der langen Straße.

Nicht mehr als 20 Kunden auf einmal sollen die Fielmann-Filiale an der Georgstraße betreten. „Eine Empfehlung vom Firmenchef“, sagt Niederlassungsleiter Volkmar Hustedt. „Wichtig ist, dass wir als medizinischer Grundversorger weiter da sind“, sagt er. „Nur wie lange noch?“

Der Laden nebenan ist kein Grundversorger. Dort war die Tür dennoch auf. „Wir hatten zwei, drei Kunden, die etwas abholen wollten“, hieß es am Vormittag. „Jetzt hat der eine auf und der andere nicht. Es ist jetzt so. Man kann es nachvollziehen“, sagte eine Verkäuferin.

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Erstellt:
17. März 2020, 19:51 Uhr
Lesedauer:
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