Die Nordeler Landwirte Stefan Plate, Tim Kropp, Christian Eichler und Andreas Gerling (von links) vor den Messstellen Nordel I und Nordel II.Foto: Suling

Die Nordeler Landwirte Stefan Plate, Tim Kropp, Christian Eichler und Andreas Gerling (von links) vor den Messstellen Nordel I und Nordel II.Foto: Suling

Nordel 12.11.2019 Von Die Harke

„Wir brauchen jetzt keine neuen Auflagen“

Nordeler Landwirte begründen, was aus ihrer Sicht gegen eine Ausweisung „Roter Gebiete“ spricht

Andreas Gerling malt ein düsteres Bild: „Vor 200 Jahren war hier Heideland, das man urbar gemacht hat. Und wir werden uns zum Heideland zurück entwickeln“, sagt der Nordeler Landwirt. Was ihn und seine Berufskollegen im Ort umtreibt, sind die sogenannten „Roten Gebiete“, die das niedersächsische Landwirtschaftsministerium aufgrund zu hoher Messwerte an den Messstellen des Niedersächsischen Landesamts für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ausgewiesen hat.

Die Konsequenz: Die gesamte Ackerfläche in Nordel, immerhin rund 1.600 Hektar, müssen künftig unterdüngt werden – die Pflanzen sollen mit 20 Prozent weniger Dünger versorgt werden, als sie eigentlich für ein gesundes Wachstum benötigen. Was das zur Folge hat? „Wenn das Getreide keinen Dünger bekommt, verhungert es“, sagt Tim Kropp klipp und klar.

Zunächst werde die Wuchshöhe abnehmen, erklärt Andreas Gerling. Irgendwann werde man kaum noch etwas ernten, denn: „Wir müssen jedes Jahr 20 Prozent weniger düngen“, erzählt Christian Eichler. So würden sich die noch vorhandenen Erträge immer weiter verringern. Zudem werde sich das Anbauspektrum verringern: „Wir können dann keine Leguminosen mehr anbauen, die Stickstoff binden“, sagt Andreas Gerling.

Senf, Erbsen – all das gebe es dann nicht mehr. Denn auf die Herbstdüngung für die Zwischenfrüchte sollen die Landwirte künftig verzichten. „Der Humus im Boden wird zurückgehen“, nennt Christian Eichler eine weitere Konsequenz. „Dabei leben wir hier vom Humus, den wir in der Ackerkrume aufgebaut haben“, unterstreicht Andreas Gerling. „Außerdem würden die Bodenaktivitäten zurückgehen, die Kleinstlebewesen und Insekten würden aus dem Boden verschwinden“, sagt Tim Kropp.

Die Konsequenzen reichen noch weiter: „Wenn wir hier 20 Prozent weniger düngen, muss woanders mehr gedüngt und geerntet werden“, erklären Tim Kropp, Andreas Gerling. Christian Eichler und Stefan Plate unisono. Hinzu käme, dass Nordel ein Winderosionsgebiet sei, so Gerling. Die Unterdüngung würde den Prozess der Erosion noch weiter beschleunigen: „Denn der Erosion können nur gesunde Pflanzen standhalten“, sagt Tim Kropp. „Außerdem müssten wir Wirtschaftsdünger, also Gülle, abgeben“, berichtet Christian Eichler.

„Wir müssten die Tierbestände abstocken, weil es weniger Futter gibt“, sagt Andreas Gerling. „Wir haben einfach keine Planungssicherheit mehr. Wir haben unsere Ställe schließlich über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren finanziert“, konstatiert er.

In Nordel gibt es zwei Grundwasser-Messstellen, die sich direkt nebeneinander befinden: Nordel I und Nordel II. Beide liegen regelmäßig über dem erlaubten Maximal-Wert von 50 mg/Liter: Ihre Werte sind häufiger um mehr als das Vierfache erhöht. Die konkrete Ursache dafür konnte aber bis heute nicht ermittelt werden.

Im Rahmen des „Wenzel-Erlasses“ wurden 2015 unter dem damaligen Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) auch die Messstelle Nordel I vom Landkreis, der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und dem NLWKN geprüft: Eine Ursache wurde nicht gefunden.

Grundwasser kennt doch keine Landesgrenze

In Sichtweite liegt eine Grundwasserentnahmestelle zur Trinkwassergewinnung im Wasserschutzgebiet Wehe in Nordrhein-Westfalen. Diese Stelle liegt tiefer als die Messstellen Nordel I und II, die Werte aus einer Tiefe von sechs bis zehn Metern bzw. 14 bis 16 Metern ermitteln, und zeigt einen ganz anderen Nitrat-Wert, nämlich einen unbedenklichen von weniger als einem Milligramm pro Liter.

Dass die Grenze der „Roten Gebiete“ starr an der Landesgrenze gezogen wird, ärgert die Landwirte deshalb ziemlich. „Denn das Grundwasser kennt doch keine Landesgrenze“, erklären die vier unisono. Sie sind offen für Ideen und Gespräche: „Wir können uns gerne auf fachlicher Ebene zum Beispiel mit Umweltverbänden treffen“, sagt Andreas Gerling.

Zudem solle die Politik neue Technologien fördern, die die Auswaschung von Nährstoffen verhinderten. Die Landwirte fordern, dass die erst 2017 in Niedersachsen in Kraft getretene Düngeverordnung wirken müsse, bevor sie mit weiteren Maßnahmen behelligt würden: „Wir brauchen jetzt keine neuen Auflagen“, unterstreichen sie.

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Erstellt:
12. November 2019, 12:42 Uhr
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