21.10.2012

„Wo bleibt die Rentengerechtigkeit?“

Richard Hoffmeister erinnert im Treffen mit der HamS an die Kinder der Trümmerfrauen

Von Edda Hagebölling

Nienburg. „Deutschlands Rentnern geht es gut.“ Richard Hoffmeister wäre fast geplatzt, als er Mitte der Woche diese Schlagzeile in der Zeitung lesen musste. An die HamS gewandet hatte er sich aber schon vorher. Ausgelöst wurde sein Anruf in der Redaktion durch einen kleinen Bericht darüber, dass Nienburgs CDU-Frauen-Union Unterschriften gesammelt hatte, um der Forderung nach mehr Rentengerechtigkeit für ältere Mütter Nachruck zu verleihen (HamS vom7. Oktober). „Auf dieser Liste hätten meine Frau und ich und viele meiner Nachbarn auch gerne unterschrieben“, betonte er.

Der 77-Jährige möchte auf diesem Wege unbedingt an die Situation der Frauen erinnern, die nicht unerheblich dazu beigetragen haben, dass Deutschland wieder zu einem der reichsten Länder werden konnte. An die Trümmerfrauen und deren Kinder. Seine Frau ist eine von ihnen. Als Kind ist sie mit ihrer Mutter „stoppeln“ gegangen, hat also Kartoffeln oder Rüben von den abgeernteten Felder aufgesammelt, um etwas zu essen zu haben. „Erwischen lassen duften wir uns nicht, wir wären sonst in Teufels Küche gekommen“, erinnert sie sich, als wäre es gestern gewesen. Anfang der 60er-Jahre hat sie sich – wie viele Frauen in ihrer Situation – die Rentenanteile auszahlen lassen. 1200 Mark. „Nach der Geburt unseres ersten Kindes brauchten wir schließlich Möbel für eine größere Wohnung. Zuvor haben wir in Bremen in einer Ein-Zimmer-Wohnung gelebt“, erzählt sie.

Bis zur Geburt ihres ersten Kindes hat sie, wie viele andere Frauen ihres Alters auch, für 1,50 oder 2 Mark die Stunde in einem Kaufhaus gearbeitet.

„Kindergeld gibt es erst seit Ende der 60er Jahre“, ergänzt Richard Hoffmeister. An eine Zentralheizung oder fließend warmes Wasser war ebenfalls nicht zu denken. Wir hatten ein Plumpsklo, im Winter bildeten sich an den Fenstern Eiskristalle, und die Kinder mussten noch mit echten Windeln gewindelt werden“, ergänzt er.

„Die Lebensleistung dieser Frauen ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Die heutige Generation kann sich das gar nicht mehr vorstellen“, gibt der Nienburger zu bedenken.

Umso entwürdigender empfindet er es, wenn diese Frauen, die heute auf Grundsicherung angewiesen sind, weil die Rente nicht ausreicht, obwohl später noch mehrere tausend Euro nachgezahlt wurden, jedes Jahr aufs Neue beim Sozialamt vorstellig werden müssen, um im Monat eine zusätzliche Zuwendung von ein-, zweihundert Euro zu bekommen.

„Wo bleibt da die Rentengerechtigkeit?“, so der streitbare Nienburger.

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Erstellt:
21. Oktober 2012, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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