Der 56 Jahre alte Angeklagte ist wegen eines anderen Mordes seit 30 Jahren in Haft.  Bruns

Der 56 Jahre alte Angeklagte ist wegen eines anderen Mordes seit 30 Jahren in Haft. Bruns

Nienburg/Verden 13.09.2019 Von Wiebke Bruns

Zeuge entlastet Angeklagten

Mit-Häftling traut 56-Jährigem keinen Mord zu und leugnet, dass dieser ihm gegenüber gestanden habe

„Jemanden umlegen, das ist nicht mein Fall“, betonte ein 64 Jahre alter Mit-Insasse des Angeklagten im Angler-Mordprozess am Landgericht Verden. Mit dem 56-Jährigen versteht er sich trotzdem gut, obwohl dieser ein rechtskräftiger verurteilter Mörder ist. Ob er auch ein Doppelmörder sei, dazu konnte oder wollte der Zeuge nichts sagen. Was der 64-Jährige auf dem Kerbholz hat, wurde nicht hinterfragt. Aber er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Celle, lange Jahre ein Hochsicherheitsgefängnis, das denjenigen vorbehalten war, die zu Freiheitsstrafen von mindestens 14 Jahren oder Sicherungsverwahrung verurteilt worden sind. Mittlerweile soll man dort aber auch geringere Strafen absitzen können.

Der 56 Jahre alte Angeklagte ist wegen eines anderen Mordes seit 30 Jahren in Haft. Beim Prozessauftakt hatte er die Justizvollzugsanstalt Sehnde als derzeitigen Aufenthaltsort angegeben. Vorher sei es Celle gewesen. Meistens hat so eine Verlegung organisatorische Gründe, wie die wiederkehrenden Fahrten zu den Gerichtsverhandlungen.

Doch zurück zu dem Zeugen, der beim Betreten des Gerichtssaals von dem Angeklagten breit grinsend begrüßt wurde. Zwei, die sich gut verstehen, hatte man gleich den Eindruck. Und dieser Zeuge sollte nun aussagen, was der Angeklagte ihm über den Mord an dem Angler Wilhelm Rettberg berichtet hat. „Er hat mir gesagt, dass er mit der Sache absolut nichts zu tun hat, und das glaube ich ihm auch“, betonte der Zeuge.

„Ihre Lebensgefährtin soll bei der Polizei gesagt haben, dass der Angeklagte Ihnen gegenüber gesagt haben soll, dass er das war, aber man ihm nichts anhaben kann“, hielt ihm der Vorsitzende Richter Volker Stronczyk vor. „Alles quatsch. Die Frau möchte, dass ich früher rauskomme“, entgegnete der 64-Jährige. „Ich kann es nicht leiden, wenn einer einem den Hals umdreht. Ich kann es aber auch nicht leiden, wenn man was erfindet, damit es einem besser geht“, betonte er. Außerdem habe die Polizei Druck ausgeübt.

Der 64-Jährige bestätigte jedoch, dass die Vorwürfe im Knast Thema gewesen sei, „weil viele das im Aktenzeichen XY gesehen haben“. In der Fernsehsendung war über den seit 1984 ungeklärten Mord an dem Angler Wilhelm Rettberg in Nienburg berichtet worden. Der Angeklagte habe ihm lediglich erzählt, dass er in jener Nacht in einer Disko und vorher in einer Kneipe gewesen sei.

Die Lebensgefährtin war ebenfalls geladen, aber nicht erscheinen. Die sei umgezogen, berichtete der Zeuge. Der Vorsitzende fragte nach der Handynummer der Frau. „Die habe ich nicht im Kopf, weil ich die programmiert habe.“ „Programmiert? Haben Sie ein Handy in der JVA?“, fragte der Vorsitzende. „Nee“, ruderte der Zeuge zurück: „Hinterlegt im Haftraum.“

Beim Rausgehen wandte sich der Zeuge nochmal an den Angeklagten: „Du sollst dich beeilen, er hat keinen Bock mehr auf deinen Job“, richtete er ihm von einem anderen Gefangenen aus. „Liegt nicht an mir. Schönen Gruß“, antwortete der Angeklagte. Bereits im Oktober könnte er nach Celle zurückkehren, dann ist Ende der Beweisaufnahme.

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Erstellt:
13. September 2019, 17:29 Uhr
Lesedauer:
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