Kolumne „Von oben gesehen“

Meine wichtigste Lehre aus Lützerath? Es kann kein „Weiter so“ mehr geben

Blick in die Kohlegrube.

Blick in die Kohlegrube.

Normalerweise fahre ich oft beschwingt von Klimaschutzdemonstrationen nach Hause: Das Gefühl, sich gemeinsam mit vielen anderen für das 1-5-Grad-Ziel starkzumachen, zu zeigen, dass es nicht einfach „weiter so“ gehen kann, sorgt bei mir üblicherweise für Optimismus. Nach Lützerath war das anders.

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Dabei standen die Zeichen, so wie ich die Demonstration erlebt habe, zunächst auf Hoffnung. Die Anreise professionell organisiert; Zehntausende Teilnehmende trotz Matsch, Regen und der Schwere der Thematik positiv gestimmt und freundlich zueinander; Peter Donatus und Greta Thunberg beeindrucken mit Reden auf der Bühne; Samba-Truppe, Poetry-Slam und Gesangseinlagen sorgen sogar für ein wenig Ausgelassenheit; und gegen Ende des Nachmittags scheint sogar kurz die Sonne. Doch Optimismus verspüre ich auf dem Heimweg erst mal nicht.

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Die Bilder lassen mich nicht los

Dieses Mal lassen mich bestimmte Bilder einfach nicht los: hier ein liebevoll angelegter Garten mit Trampolin, auf dem die Kinder hüpfen können, und wenige Meter weiter die brachial in die Landschaft geschaufelte gigantische Grube mit den riesigen Kohlebaggern, bewacht durch Polizistinnen und Polizisten. Das alles wirkte dystopisch und absolut aus der Zeit gefallen.

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Ganz besonders hängt mir jedoch der Blick eines Anwohners in Keyenberg nach, dem Nachbardorf von Lützerath, das ebenfalls abgerissen werden sollte. Er stand am offenen Fenster seines Hauses und bedankte sich mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck bei den vorüberziehenden Demonstrierenden, der viele – und auch mich – still werden ließ. Wie ich später herausgefunden habe, erzählt er in einer Dokumentation gemeinsam mit seiner Familie, was es mit Menschen macht, die über Jahre hinweg dem Abriss ihrer Dörfer entgegensehen. Bleiben oder nicht bleiben, verkaufen oder auf Enteignung warten? Und dann heißt es am Ende doch: Das Dorf bleibt stehen. Nur sind jetzt auch schon viele weggezogen. Was macht das mit Menschen? Und wie, das frage ich mich, kann es sein, dass Konzerne über viele Jahre Tausende Menschen von ihrem Grund und Boden vertreiben – für Profit und Gewinn?

Enteignungen für den Kohleabbau sind absurd

Die Realität des Klimawandels ist klar: Wir haben Sachstandsberichte, wissenschaftliche Studien und sogar ein Pariser Klimaschutzabkommen. Und trotzdem werden 2023 Menschen, die ihre Grundstücke gar nicht abgeben wollen, enteignet. Die Begründung: Der Abbau von fossilen Brennstoffen diene dem Wohle der Allgemeinheit. Wie bitte?! Dem globalen Gemeinwohl dient vor allen Dingen eins: der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, und zwar besser gestern als 2030.

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Wie absurd Enteignungen für den Kohleabbau sind, merkt man spätestens dann, wenn man sich den gegenteiligen Fall vorstellt: Ein Investor möchte in einer Kommune einen Solarpark bauen, findet aber keine geeignete Fläche. Kein Problem, dann enteignen wir, damit haben wir Erfahrung! Dass erneuerbare Energien der Allgemeinheit dienen, bestreitet in der aktuellen Energiekrise ja niemand. Überzeugt Sie nicht? Mich auch nicht.

Die wichtigste Botschaft aus Lützerath: kein „Weiter so“

Es kann kein „Weiter so“ mehr geben. Das ist die wichtigste Botschaft, die ich aus Lützerath mitgenommen habe. Das gilt ganz besonders für die Politikerinnen und Politiker: Es kann nicht sein, dass sie es einerseits trotz Pariser Klimaschutzabkommen Konzernen ermöglichen, brachial ganze Dörfer wegzubaggern, damit dort fossile Brennstoffe abgebaut werden können, und gleichzeitig beim kleinsten Widerstand gegen Tempolimit oder Windräder Kompromissbereitschaft und Verständnis einfordern.

Das muss sich ändern. Und jetzt bin ich mal ganz optimistisch: Das wird es auch. Da bin ich mir nach Lützerath sicher.

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Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und forscht an der Universität Bonn an den Zusammen­hängen zwischen Klimawandel und Gesundheit. Seit 2017 trainiert sie im Rahmen der Initiative „Die Astronautin“ als Wissenschaftsastronautin für eine zweiwöchige Mission auf der Internationalen Raumstation – und wäre damit die erste deutsche Frau im All. Hier schreibt sie alle zwei Wochen über Raumfahrt, den Klimawandel und die faszinierende Welt der Wissenschaft.

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