Kritik aus der Musikbranche

„Movin‘ To The Sun“: Wie KI-Housemusik die Charts flutet

Der französische DJ Hugel steht mit seinem Song "Movin' To The Sun" in den Charts.

Wenn es um „Movin‘ To The Sun“ geht, reichen die Meinungen im Netz von „Spätsommerhit des Jahres“ bis „nervigstes Stück Musik seit Erfindung des Lautsprechers“. Der Song des bekannten französischen DJs Hugel und der Neunzigerjahre-Dance-Ikone Ultra Naté wurde allein bei Spotify 207 Millionen Mal abgespielt. Seit Wochen steht der Song in den Top 10 der deutschen Single-Charts – auch auf praktisch allen Radiosendern läuft das Lied in Dauerschleife.

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Grund für den Erfolg und die Ablehnung gleichermaßen dürfte die eher schlichte Komposition des Stückes sein. Der Song wird von einem eingängigen Deep-House-Beat getragen, dazu singt Ultra Naté mit rauchiger, tiefer Stimme ein paar Textzeilen, die kaum Sinn ergeben. In den Strophen heißt es übersetzt auf Deutsch: „Ich ziehe zur Sonne, ich habe es immer getan. Ich gehe zur Sonne, ich bin so schlecht im Dunkeln, ah, ah, ah, ah.“

Es folgt ein Chorus, der entfernt an die Stotter-Hits von Scatman John aus den Neunzigerjahren erinnert: Immer wieder wird die Textzeile „another pop, say something“ wiederholt, die ebenso wenig Sinn ergibt, aber für einen eingängigen Rhythmus sorgt.

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KI-Sounds einer Esoterikerin

Was Hörerinnen und Hörer mit geschulten Ohren schon seit Wochen vermuten, ist, dass in dem Chart-Song eine ganze Menge künstliche Intelligenz steckt. Der Gesang beinhaltet, obwohl er angeblich von einer echten Sängerin stammt, hörbare Artefakte. Dazu gehört ein leicht blechiger Klang, eine Art Zischen und ungewöhnlich scharfe S-Laute – ein typisches Anzeichen für KI-generierte Stimmen.

Hinzu kommen die überaus einfachen Textzeilen. KI-generierte Lyrics sind dafür bekannt, dass sie häufig aus aneinandergereihten Phrasen bestehen. Während professionell geschriebene Songtexte häufig Geschichten erzählen und nicht selten mit Metaphern arbeiten, beschreibt KI oft einfach nur, was Menschen tun – zum Beispiel zur Sonne fliegen.

Und dann wäre da noch der Umstand, dass in der Interpretenzeile des Stückes – neben Hugel und Ultra Naté – noch ein weiterer Artist steht: die bislang eher unbekannte Imael Angel. Dabei handelt es sich um eine esoterische Mikro-Influencerin, die auf ihren Social-Media-Accounts lange Zeit alternative Heil-Methoden bewarb – bis sie plötzlich aus dem Nichts anfing, Deephouse-Musik zu „produzieren“.

So erkennen Sie KI-Musik in Ihrer Lieblings-Playlist

KI-generierte Songs stürmen die Charts – und manche Produzenten ersetzen mit Künstlicher Intelligenz ihre Songwriter und Sänger. KI-Musik zu erkennen, wird zwar immer schwieriger – und doch gibt es ein paar Tricks. Worauf Sie achten müssen.

Suno-Hit nachproduziert

Was es mit dem wundersamen Stück Musik auf sich hat, hat DJ Hugel vor einigen Wochen selbst in einem Video erklärt – wohl auch, weil es zuvor jede Menge Kritik an dem Song gegeben hatte, wie er andeutet.

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In dem Video berichtet er, dass Imael Angel angeblich die Textzeilen „geschrieben“ habe, ebenso wie Teile der Melodie. Aus dieser Idee habe sie mithilfe von Suno, einem KI-Musik-Generator, eine Demo-Version generiert. Anschließend habe Hugel dann Teile des Songs gesampelt und ihn mit einer eigenen Produktion sowie dem Gesang von Ultra Naté angereichert. Im Video erklärt der DJ und Produzent schrittweise den Aufbau des Songs und mit welchen Elementen er produziert wurde.

Durch das Video erklärt sich auch, warum die Stimme so stark nach KI klingt. Der echte Gesang von Ultra Naté ist zwar im Song zu hören, jedoch wurde die ursprüngliche KI-Stimme beigemischt. In der Musikproduktion spricht man dabei auch vom „Layering“. Dadurch bleiben jedoch auch die typischen KI-Artefakte hörbar.

„Ein verdammter Witz“

Manche Musikfans auf Tiktok zeigen sich von der Erklärung nicht sonderlich begeistert. Einer formuliert in den Kommentaren die Theorie, dass Hugel wohl das schnelle Geld gerochen habe, nachdem der ursprüngliche KI-Song auf Spotify viral gegangen sei. Also habe er wahrscheinlich die Rechte eingekauft, ihn von den Streamingdiensten entfernen lassen und neu produziert.

Auch innerhalb der Szene gibt es Kritik. Der deutsche DJ Felix Jaehn bezeichnet diese Art von Musik in einem Video als „schrecklich“, ohne den Song „Movin‘ To The Sun“ explizit zu nennen. „Jetzt nehmen große Künstler diese Lieder, die zu 100 Prozent KI-generiert sind, und produzieren sie einfach neu, um zu behaupten, sie seien ihre eigenen. Das ist ein verdammter Witz“, schimpft er.

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KI-Musik-Tools seien in der Tat inzwischen ziemlich gut. Das liege allerdings daran, dass „sie illegal unsere ganze Musik zum Trainieren verwenden, und niemand hat gefragt und niemand wurde bezahlt, und dieser Scheiß ist problematisch“. Radiosender spielten diese Songs, niemanden kümmere es wirklich. „Aber ist das Kunst? Nein, ist es nicht. Macht das Spaß? Nein, tut es nicht. (...) Es ist nur ein verdammtes Geschäftsmodell.“

Jason Derulo entdeckt viralen Hit

Und ein lohnenswertes noch dazu. Eine ganz ähnliche Geschichte wie „Movin‘ To The Sun“ hat auch ein anderer Dance-Song durchlebt, der aktuell auf Platz 6 der deutschen Charts steht: „Mi Chico“ vom bislang eher unbekannten Artist DJ Goja. Das Stück wurde in den sozialen Medien so häufig geteilt und mit eigenen Choreografien und Tänzen versehen, dass es sogar die Aufmerksamkeit von US-Superstar Jason Derulo auf sich zog. Zusammen mit der spanischen Sängerin Melody hat dieser im Sommer eine Remix-Version mit eigenem Gesang veröffentlicht.

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Inwiefern bei dem Stück KI verwendet wurde, darüber gibt es im Netz zahlreiche Spekulationen, jedoch keine Angaben des Künstlers selbst. DJ Goja, ein Interpret aus Rumänien, soll schon über 20 Jahre im Musikgeschäft tätig sein, schreibt der rumänische Radiosender Kiss FM. Im Interview erzählt Goja, er habe einige Zeit Kindermusik komponiert und habe dann einen Afrobeat-Song mit sommerlichem Vibe verbinden wollen. So sei dann „Mi Chico“ entstanden.

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Ähnlich wie bei „Movin‘ To The Sun“ sind aber auch bei „Mi Chico“ typische KI-Artefakte zu hören, wie etwa die Zischlaute. Auch KI-Detektoren, die Songs auf ihren KI-Einsatz einigermaßen verlässlich überprüfen können, schlagen beim Song an. Goja selbst hat allerdings schon eine längere Musikkarriere hinter sich: Auf seinem Spotify-Profil finden sich neben zahlreichen Cover-Versionen bekannter Songs, die allesamt ein KI-Bild als Artwork haben, auch viele Stücke aus der Zeit vor generativer KI. Eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) ließ DJ Goja unbeantwortet.

Gen-Z spottet über „Thermomix-Musik“

Was die Artists – neben ihren beachtlichen Chart-Platzierungen – unweigerlich geschafft haben: Sie werden für ihre „Musik“ inzwischen großflächig veralbert. Bei jungen Menschen auf Tiktok gelten die Dance-Songs aus der Retorte als nervtötender „KI-Slop“, vor allem aber als „Alte-Leute-Musik“. Dabei schwingt auch immer die Kritik mit, dass viele KI-Musik nicht von echter Musik unterscheiden könnten oder es ihnen schlicht egal sei.

Besonders viele Sketch-Videos gibt es zu den „Werken“ von Imael Angel, allen voran zum Stück „Bad Times“, das aktuell mit 58 Millionen Aufrufen auf Platz 33 der Musikvideocharts bei Youtube steht und damit eine ähnliche Karriere hinlegt wie einst „Movin‘ To The Sun“. Wieder zeigt hier eine rockige, aber vollständig KI-generierte Stimme ihr vermeintliches „Können“ zu chilligen Deep-House-Beats. Dazu singt sie alle möglichen unverständlichen Textzeilen – meistens aber irgendwas mit „da da da da“.

Der deutsche Tiktok-Comedian Lucas Thomas stellt seinem Freund in einem Sketch den Song als „richtigen Banger“ vor, der neulich auf einer „Thermomix-Party“ „richtig gut abgegangen“ sei. Sein Kollege entgegnet: „Mach das mal aus, das hören 50-jährige Muttis“.

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Shamzy, ein Tiktoker aus Italien, macht sich in einem Video über seine Mutter lustig, die in der Küche ständig KI-generierte House-Musik pumpt:

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Für den Tiktoker David Maluco ist KI-House schlicht ein fürchterlicher Trend unter Millennials und der Generation X:

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Und andere, wie etwa L‘Eracle, offenbaren den Nerv-Faktor der KI-Musik, indem sie die Texte einfach a cappella nachsingen:

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Wahrscheinlich nur der Anfang

Klar ist: Verschwinden wird die Musik aus der Retorte so schnell wahrscheinlich nicht. Tools wie Suno oder Udio ermöglichen es nun selbst denjenigen, die noch nie mit Musik zu tun hatten, eine erfolgreiche Musikkarriere zu starten. Je mehr Songs in den sozialen Medien viral gehen, desto mehr dürfte es in Zukunft davon geben – erst recht, wenn sie dann auch noch die Aufmerksamkeit berühmter DJs und US-Sänger auf sich ziehen.

DJ Hugel, der Interpret des Charthits „Movin‘ To The Sun“, hat inzwischen noch weitere Videos veröffentlicht, in denen er den Einsatz von KI rechtfertigt. In einem Video, in dem eine KI-Stimme zu hören ist, beschreibt er den Einsatz maschineller Stimmen als kreativer als das sonst übliche Sampling. In einem anderen performt er seinen Hit „Movin‘ To The Sun“ live zusammen mit Sängerin Ultra Naté. „Angeblich ist ja der ganze Song KI – also kam die ‚KI-Sängerin‘ vorbei, um ihn live zu singen“, steht trotzig über dem Video.

Was die Erfinder der House-Musik von all dem halten, ist übrigens nicht bekannt. Die Musikrichtung wurde Anfang der Achtzigerjahre in Chicago entwickelt, viele Väter des Genres sind längst verstorben. Es wäre zumindest nicht unwahrscheinlich, wenn sie sich angesichts der aktuellen Entwicklung ihres Genres im Grabe umdrehen.