Verkaufsfördernde Maßnahme

Voll des Lobes: Warum kaum ein Buch ohne anerkennende Worte auf dem Cover erscheint

Orientierung für Leser und Leserinnen oder nur ein Marketinginstrument? Auf nahezu jedem Schutzumschlag finden sich Blurbs.

Hannover. An lobenden Worten wird nicht gespart. „Bemerkenswert, brillant und nicht mehr aus der Hand zu legen“, urteilt die US-Autorin Joanna Rakoff über den Roman „Mein letztes Jahr der Unschuld“ von Daisy Alpert Florin. „Mitreißend, inspirierend und ziemlich heiß“, findet Julia May Jonas das Debüt ihrer Kollegin, das auf Deutsch im Eisele Verlag erschienen ist. Über Daniel Schreibers Essay „Zeit der Verluste“ (Hanser Verlag) schreibt die Autorin Daniela Dröscher: „Ich verneige mich vor diesem Schreiben, das hinter allem Verlust die Schönheit der Dinge sucht und sieht und findet.“ Und Doris Dörrie meint: „Daniel Schreiber lesen! Kaum ein anderer schreibt so einfühlsam und empathisch über seine und unsere tiefsten Gefühle.“ Zu lesen sind diese und weitere Zitate auf den Rückseiten der jeweiligen Bücher.

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Abertausende Neuerscheinungen auf der Leipziger Buchmesse

Auf der Leipziger Buchmesse werden vom 27. bis 30. März wieder abertausende Neuerscheinungen präsentiert – und ein Großteil davon steckt in einem Schutzumschlag mit Klappentext, auf dem warme Worte aus der Kollegenschaft zu finden sind. Dass es solche Lobeshymnen auf Einbänden und überhaupt Klappentexte gibt, haben Leser und Leserinnen Karl Robert Langewiesche und Gelett Burgess zu verdanken. Der Verleger Langewiesche brachte seine Bücher von 1902 an mit einem blauen Schutzumschlag heraus, was damals als modern galt. Noch ungewöhnlicher war sein Einfall, auf der eingeschlagenen Klappe und der Rückseite des Umschlags den Inhalt zusammenzufassen und so für das Buch zu werben. Der US-Amerikaner Burgess – Autor, bildender Künstler und Satiriker – hatte fünf Jahre später eine ebenfalls bahnbrechende Idee: Auf seinem Buch „Are You a Bromide?“ war eine aparte junge Frau abgebildet, die angeblich Belinda Blurb hieß. Die fiktive Miss Blurb warb für das „großartige Buch“. Seitdem steht „blurb“ im Englischen für Klappentext. Vor allem jedoch sind damit – auch in Deutschland – die Lobpreisungen auf Schutzumschlägen gemeint, ähnlich wie jene der jungen Belinda Blurb.

Inhalt und Atmosphäre eines Buches vermitteln

Ein Klappentext, egal ob auf dem vorderen, umgeklappten Schutzeinband oder auf der Rückseite, soll auf wenigen Zeilen nicht nur den Inhalt, sondern auch die Atmosphäre eines Buches beschreiben – und zum Kauf animieren. „Die Bedeutung eines guten Klappentexts wird oft unterschätzt“, sagt Tim Jung, verlegerischer Geschäftsführer des Hamburger Hoffmann und Campe Verlags, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Es sei eine der vorzüglichsten Aufgaben eines jeden Verlags, das Werk seiner Autorinnen oder Autoren dem Publikum über den Klappentext zu öffnen – „und möglichen Leserinnen und Lesern auf kluge und kreative Weise zu vermitteln, was das Buch, das sie gerade in den Händen halten, in besonderer Weise auszeichnet“.

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Die Bedeutung eines guten Klappentexts wird oft unterschätzt.

Tim Jung

, verlegerischer Geschäftsführer des Hamburger Hoffmann und Campe Verlags

Auch bei der Buchhandelskette Hugendubel weiß man um die Wirkung eines gelungenen Klappentextes. „Als erste Orientierung geben Klappentexte und Blurbs eine sinnvolle Anregung, sich näher mit einem Titel zu beschäftigen oder neugierig zu machen“, erklärt Unternehmenssprecherin Cristina Herrmann gegenüber dem RND.

Für junge Lesende sind die Informationen wichtig

Wie eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt, sind auch für jüngere Leser und Leserinnen Klappentexte wichtig. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte diese Zielgruppe gefragt, was für sie über den Kauf eines Buches mitentscheide. Dabei gaben 54 Prozent der 16- bis 19-Jährigen an, dass ihnen ein „informativer“ Klappentext wichtig sei; bei den 20- bis 29-Jährigen sagten das sogar 66 Prozent. Aktuelle Studien mit älteren Buchkäufern und Buchkäuferinnen gibt es nicht.

In Zeiten, in denen junge Lesende ihre Buchtipps vor allem aus sozialen Medien beziehen und die Leseempfehlungen bei #booktok den Markt und das Marketing in den vergangenen Jahren deutlich verändert haben, ist das ein erstaunlich hoher Wert. Zudem versucht ein großer Teil vor allem jüngerer Autoren und Autorinnen, Leser und Leserinnen über Internetplattformen wie Instagram direkt zu gewinnen.

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Reichlich Tipps für den „perfekten“ Kurztext

Dass der Kappentext dennoch nicht ausgedient hat, hängt auch damit zusammen, dass er quasi multifunktional ist. Er richtet sich ja nicht nur an die Literaturinteressierten, die in einer Buchhandlung stöbern. Die Texte werden – meist wortwörtlich – auch auf Plattformen von Internethändlern veröffentlicht, in Fanforen, in Onlinemagazinen oder auf Programmseiten von Veranstaltern. Die Texte, die bei einem Verlag meist im Lektorat geschrieben werden, können so große Reichweiten erzielen. Wohl auch deshalb betonen Branchenexperten wie Tim Jung deren Bedeutung. Und wohl auch deshalb kursieren auf den Internetseiten von Selfpublishern, die Bücher unabhängig von einem Verlag veröffentlichen, unzählige Tipps, wie man den „perfekten Klappentext“ formuliert.

Ein guter Klappentext wird dem Buch, das er begleitet, gerecht. Klingt einfach, ist aber eine hohe Kunst.

Tim Jung, verlegerischer Geschäftsführer von Hoffmann und Campe

Was gilt, wenn nicht als perfekt, so zumindest als gelungen? Jung meint: „Ein guter Klappentext wird dem Buch, das er begleitet, gerecht. Klingt einfach, ist aber eine hohe Kunst.“

Eine ähnlich hohe Kunst kann auch das Schreiben von Blurbs, von lobenden Worten, sein. Jung und Hugendubel-Sprecherin Herrmann finden, dass Blurbs ebenfalls eine Orientierungshilfe sein könnten. Diese Erfahrung machen tatsächlich zahlreiche Lesende, vor allem diejenigen, die viel lesen: Wenn eine Schriftstellerin, die sie schätzen, ein Buch empfiehlt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auch ihnen gefällt, einigermaßen hoch. Laut Jung ist ein Blurb auch eine Auszeichnung für das Buch. Das gilt besonders dann, wenn eine renommierte Autorin oder ein bekannter Literaturkritiker das Debüt eines jungen Schriftstellers lobt.

Zum x-ten Mal die gleichen Floskeln

Dennoch sollte man solche Lobpreisungen mit einem gesunden Misstrauen betrachten, gerade, wenn sie eine Neuerscheinung zum Beispiel als sensationell, bewegend, unglaublich spannend oder absolut großartig bezeichnen. Solch Lob in allerhöchsten Tönen sagt, wenn es so allgemein bleibt, wenig über ein Buch aus. Und es kann Leser und Leserinnen ermüden, manchmal sogar verärgern, wenn man zum x-ten Mal die immer gleichen Floskeln auf der Rückseite eines Romans oder Sachbuchs entdeckt. Klar ist auch: Je bekannter ein Autor ist und je besser eine Autorin vernetzt ist, desto eher dürfte er oder sie einen prominenten Fürsprecher für das aktuelle Werk finden. Und sich wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt mit einem positiven Satz revanchieren.

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Das Schreiben von Blurbs sei zu zeitaufwendig geworden: US-Autorin Rebecca Makkai.

Einer der Geschäftsführer beim New Yorker Verlag Simon & Schuster hat kürzlich angekündigt, dass die Autoren und Autorinnen seines Imprints nicht länger Blurbs für ihre Neuerscheinungen besorgen müssten. Oft klopfen nämlich die Schreibenden selber bei Kollegen und Kolleginnen an. US-Autorin Rebecca Makkai („Ich hätte da ein paar Fragen an Sie“, „Die Optimisten“) hat ihre Freude über die Ankündigung öffentlich gemacht. In der „New York Times“ schilderte sie vor Kurzem, warum sie keine Lobesworte für Kollegen und Kolleginnen mehr verfassen wolle: Es koste sie schlicht zu viel Zeit, deren Bücher zu lesen, um ein substantielles, kurzes Lob zu schreiben. Das sei beinahe zu einer Vollzeitbeschäftigung ausgeartet. Im Herbst habe sie fünf bis zehn Anfragen nach Blurbs von Kolleginnen und Kollegen bekommen – und zwar wöchentlich.

Makkai bezeichnet das Akquirieren und Schreiben solcher Lobesworte als „seltsamen Teil der Verlagswelt“. Dennoch können sich Literaturfans der Wirkung mancher Blurbs schwer entziehen. „Ich werde diese Geschichte und die Menschen darin für den Rest meines Lebens in mir tragen“, schreibt etwa US-Autor John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“) über Kaveh Akbars Debütroman „Märtyrer!“, der gerade auf Deutsch im Rowohlt Verlag erschienen ist. Und für Schriftsteller Junot Diaz ist Akbars Buch „Nichts weniger als ein Wunder“. Es wäre wohl ein Wunder, wenn das nicht hilft.

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