Internationales Filmfestival in Karlsbad: Tod kurz nach der Auszeichnung
Karlovy Vary. In Deutschland kaum beachtet, ist das Internationale Filmfestival im böhmischen Karlovy Vary (Karlsbad) in Tschechien ein kulturelles Großereignis. Und das nicht zu Unrecht: Das A-Festival ist eine der traditionsreichsten Filmschauen der Welt. Seine Premiere feierte es schon 1946, also im selben Jahr wie die legendären Filmfestspiele von Cannes.
Bei der 59. Ausgabe in diesem Jahr zog die Filmschau im eigenen Land besonders viel Aufmerksamkeit auf sich, weil eine heimische Produktion den Kristallglobus gewann, den Hauptpreis des Wettbewerbs. „Better Go Mad in the Wild“ des slowakischen Regisseurs Miro Remo ist ein Film, von dem man erst gar nicht weiß, wie man ihn einordnen soll: Doku, Drama, Märchen, Groteske? Remos Beobachtung der zwei Brüder František und Ondřej Klišik, die er über fünf Jahre hinweg etappenweise bei ihrem täglichen Leben auf einem bäuerlichen Einödhof im Böhmerwald begleitet, hat von allem etwas. Denn die beiden führen ein extrem skurriles Eremitenleben jenseits jeder gesellschaftlichen Konvention, das Stoff für jede Erzählform bietet.
Franta und Ondra, wie sie auf tschechisch kurz gerufen werden, haben es in ihrem südböhmischen Heimatbezirk Prachatice zudem zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Denn wie der Film zeigt, sind die Zwillinge neben ihrem landwirtschaftlichen Broterwerb auch als Künstler tätig. Franta bereichert die lokale Kulturszene als Dichter und Ondra als Maler. Der eine veranstaltet Lesungen, der andere Ausstellungen.
Plötzlich tot im Dorfteich
Mit dem Triumph in Karlsbad wurden die Brüder Mitte Juli allerdings über Nacht im ganzen Land zu einem Begriff, nachdem das tschechische Fernsehen über die Auszeichnung berichtet hatte. Der Öffentlichkeitseffekt potenzierte sich, als Franta am Morgen nach der Preisverleihung in einem Dorfteich in dem Ort Ohrobec nahe Prag tot aufgefunden wurde.
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Zur vollständigen AnsichtDie Nation war nun nicht nur von der Tragik berührt, die unwillkürlich gegeben ist, wenn jemand nur Stunden nach so einem Riesenerfolg in den Tod gerissen wird, sondern sie rätselte auch, wie es zu diesem abrupten Lebensende kommen konnte.
Zunächst kursierte das Gerücht, Franta habe in dem Weiher ein Bad genommen und sei dabei ertrunken. Andere schlossen wiederum nicht aus, dass er betrunken gewesen sein könnte. Der Teich liegt nicht weit von einer Kneipe entfernt, und die Darstellung des Missbrauchs von Alkohol ist ein zentrales Thema in „Better Go Mad in the Wild“. Allerdings ist es nicht Franta, sondern Bruder Ondra, dessen Alkoholproblem in dem Film problematisiert wird. Die Bewohner von Ohrobec, die den Verunglückten noch lebend gesehen hatten, bezeugten zudem, dass er nüchtern gewesen sei.
Die Polizei ging vorläufig von einem tragischen Unfall aus. Franta, der bekleidet und mit einem umgeschnallten Rucksack aufgefunden wurde, habe wohl nicht schwimmen wollen, sondern sei auf Steinen am Ufer ausgerutscht und in das Gewässer gefallen, aus dem er aufgrund der Wassertiefe und der schlechten Zugänglichkeit des Ufers nicht mehr habe herauszusteigen können. Mehr Gewissheit über die Todesursachen soll eine Autopsie des Leichnams erbringen, deren Veröffentlichung aber noch aussteht.
Trauer um den Festival-Präsidenten
Damit wurden die Karlsbader Filmfestspiele in diesem Jahr kurz nach ihrem Ende zum zweiten Mal mit dem elementaren Thema Tod konfrontiert, das schon zur Eröffnung des Festivals eine Rolle spielte. Denn im Mai war der langjährige Festival-Präsident Jiří Bartoška nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben, und die Filmschau verbeugte sich in diesem Jahr vor ihm: Das Festivalgelände, das den gesamten historischen Kern Karlsbads umfasst, war an vielen Stellen mit großflächigen Schwarz-Weiß-Fotos plakatiert, die Bartoška in Situationen quer durch die Jahrzehnte seines reichen Schauspieler- und Kulturfunktionärslebens zeigten.
Der neue Trailer mit einem symbolisch anwesenden Bartoška wurde ausnahmsweise vor jedem Film gezeigt. Eigentlich wechseln sich in Karlsbad die Trailer ab, die das Festival über viele Jahre hinweg mit den Filmstars produziert hat, die in dem böhmischen Kurort mit einem Preis ausgezeichnet wurden. Dabei sind inzwischen etliche humorvolle Filmvignetten mit Berühmtheiten wie Mel Gibson, Helen Mirren oder Miloš Forman entstanden, auf die das Publikum aus Ehrerbietung für Bartoška nun verzichten musste.
Dieser hatte 1994 die Leitung des Festivals übernommen, das als einziges A-Festival hinter dem Eisernen Vorhang knapp 50 Jahre lang eine sozialistische Propaganda-Veranstaltung der einstigen Hegemonialmacht Sowjetunion und deren Satellitenstaat Tschechoslowakei war. Das führte dazu, dass der Sozialismus in Karlsbad seine Überlegenheit durch den Bau einer beeindruckenden Kinoinfrastruktur unter Beweis zu stellen trachtete, darunter das Premierenkino mit 1150 Sitzplätzen. Ein permanentes Filmtheater in dieser Größe steht etwa dem Filmfest München, das immer eine Woche vor dem Karlovy Vary International Filmfestival (KVIFF) stattfindet, nicht zur Verfügung.
Neues Führungsduo
Doch die Machthaber nutzten den großen Rahmen natürlich dazu, die vermeintlichen Vorzüge ihres Gesellschaftssystems unter jedem erdenklichen Gesichtspunkt zu glorifizieren. Themen wie der sozialistische Realismus, die heroische sowjetische Geschichte oder revolutionäre Umstürze in ausbeuterischen Systemen dominierten als Themen bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989 das Programm.
Dass das KVIFF danach zu einer Veranstaltung wurde, die in der Branche weltweite Anerkennung genießt, halten viele Beobachter Bartoška und der langjährigen künstlerischen Leiterin Eva Zaoralová (1932 – 2022) zugute, die knapp zwei Jahrzehnte lang ein charismatisches Führungsduo bildeten. Die neue Spitze unter dem geschäftsführenden Direktor Kryštof Mucha, der den Titel „Präsident“ nicht annimmt, weil er Bartoška vorbehalten bleibt, und dem künstlerischen Leiter Karel Och tritt nun in große Fußstapfen. Nachdem beide schon Jahrzehnte für das Festival gearbeitet haben, stellen sie allerdings auch einen Faktor der Kontinuität dar.
Das kann in unseren bewegten Zeiten hilfreich sein, denn in diesem Jahr wurde deutlich, dass das KVIFF mit dem Ukrainekrieg eine weitere Zäsur erlebt. Sie hatte in diesem Jahr zur Folge, dass das Festival zu jener polyphonen Einseitigkeit im Verhältnis gegenüber Russland zurückkehrt, die Karlsbad lange geprägt hat. Nur, dass das nun nicht mehr in dem übertrieben positiven Sinn wie zu Zeiten des Kalten Krieges geschieht, sondern im Gegenteil mit einer ausschließlich abwertenden Haltung gegenüber dem großen Nachbarn im Osten.
Der Krieg durchdringt schulisches Leben weitab der Front
Dessen völkerrechtswidriger und menschenverachtender Krieg gegen die Ukraine überlagerte jedes andere mögliche Thema aus Russland, das allerdings aus den verschiedensten Blickwinkeln der ukrainischen und westlichen Anschauung heraus.
So befasste sich etwa der ukrainische Wettbewerbsbeitrag „Divia” mit den verheerenden ökologischen Folgen des Krieges, der ganze Wälder entwurzelt, Landschaften mit Bombenkratern zerklüftet und überall ausgebranntes Kriegsgerät zurücklässt, wie es die beeindruckenden Bilder von Kameramann Volodymyr Usyk in dem Film belegen. Dass er diesen Nebenaspekt aufgreife, bedeute keine Relativierung der humanitären Katastrophe des Krieges, sagte Regisseur und Umweltaktivist Dmytro Hreshko dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in Karlsbad: „Ich wollte einfach nur zeigen, dass auch die Natur leidet, weil das bisher niemand gemacht hat.”
Weitab der Kampfhandlungen bewegte sich auch die ukrainische Doku „Timestamp” in der Nebenreihe „Horizons”. Der Film verfolgt ein Jahr lang Lehrer und Schüler an verschiedenen Schulen in der Ukraine. Obwohl die Lehranstalten, die der Film zeigt, nicht unmittelbar an der Front liegen, durchdringt der Krieg das schulische Leben, etwa durch ständige Bombenalarme und Rituale der Selbstvergewisserung als Nation, wenn die Lehrerin etwa schon bei Sechstklässlern eine Schweigeminute anordnet.
Auch in dem litauischen Liebesdrama „Renovation” in der Sektion „Proxima”, dem zweiten Wettbewerb des Festivals, bringt der Krieg die Welt durcheinander, als sich eine junge Frau in einen ukrainischen Flüchtling verliebt, obwohl ihr Freund gerade einen Heiratsantrag gemacht hat.
Jury entzieht sich aktuellen politischen Fragestellungen
All diese Aspekte vermittelten den Zuschauern in Karlovy Vary die wichtige Erkenntnis, wie weitreichend die Folgen des Ukraine-Krieges für die verschiedensten Betroffenen über Tod und unmittelbares Menschenleid hinaus sind.
Das weitete den Blick auf den Krieg in vielschichtiger und verdienstvoller Weise. Filme aber, die sich auf die Hintergründe dieses militärischen Konflikts in seiner ganzen Komplexität einließen, bot das 59. KVIFF leider nicht auf. So baute etwa „Renovation“-Regisseurin Gabriele Urbonaite, die auch das Drehbuch für den Film schrieb, zwar die Angst vor einem militärischen Überfall Russlands in ihr Skript ein, die in den baltischen Ländern allgegenwärtig ist. Doch zur gesellschaftlichen und sprachlichen Diskriminierung der russischen Minderheit in Litauen, die nicht nur von Russland, sondern auch von internationalen NGOs wie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und Amnesty International beklagt wird, bezieht „Renovation” keine Stellung.
Mit ihrer Entscheidung „Better Go Mad in the Wild” den Kristallglobus zuzuerkennen, entzog sich die Jury den aktuellen politischen Fragestellungen, die der Wettbewerb neben dem Ukraine-Krieg mit Beiträgen über sexuelle Gewalt gegen Frauen, die Migrationsproblematik und staatliche Repression im Iran sowie in Afghanistan vielfach ansprach.
Im Siegerfilm geht es hingegen vor allem um Rauchen, Saufen, Streiten und sich wieder vertragen. Der Film zeigt ein alternatives Lebensmodell auf, das aus Ackerarbeit, Viehversorgung, verrückten Ideen, Nacktwanderungen im Wald und Frantas Rezitationen seiner Gedichte besteht. In denen beschreibt er den Tod als „eine Voraussetzung des Lebens“. Vielleicht war die Preisvergabe an ein solches Sujet als Empfehlung der Juroren zu verstehen, auf unsere konfliktbeladene Zeit mit Fatalismus und friedlicher Anarchie in der Natur zu reagieren.
Eine erste Fassung dieses Festivalberichts enthielt noch keine Angaben zum Tod František Klišiks, der sich nach Beendigung des Festivals zutrug. Wir haben den Bericht entsprechend aktualisiert und inhaltlich angepasst.