Nicht, dass Radiohead keine Fetenhits hätten
Berlin. 11. September 2001. Die englische Band Radiohead spielt wenige Stunden nach dem Angriff auf Amerika ein Konzert in Berlin. Sie liefert so, zufällig und unbeabsichtigt, den passenden Soundtrack zu den unheilvollen Nachrichten aus New York und Washington. Für diejenigen, die damals an der Parkbühne Wuhlheide dabei waren, ist dieser Dienstag voller Entsetzen und Unglauben, Traurigkeit und Verwirrung wohl für immer mit der Musik von Radiohead verknüpft. Dass es während des Konzerts regnet, ist ebenfalls bis heute unvergessen.
Berlin, 8. Dezember 2025. Radiohead geben auf ihrer Comeback-Tour das erste von vier ausverkauften Konzerten in der Stadt. Nach sieben Jahren Pause kehrt die Band mit einem Best-of-Programm zurück. Ob sie sich für die Produktion eines neuen Albums aufwärmt, ist nicht bekannt – ihr bisher letztes erschien vor bald zehn Jahren.
An den Zugängen zum Platz vor der Uber Arena gibt es Durchfahrtssperren aus Stahl. Solche Barrieren, die Attentäter in Autos aufhalten sollen, findet man gegenwärtig überall vor Weihnachtsmärkten. Sie sind auch ein Symbol für die direkten und indirekten Folgen des 11. Septembers. Man kann eine Verbindung knüpfen zum Irakkrieg, zum Aufstieg des IS, zur Flüchtlingskrise bis hin zum Erstarken rechter, demokratie- und fremdenfeindlicher Kräfte.
Wen trifft man da in der Idioten-Disko?
Wenn Sicherheitsbehörden die Terrorgefahr einordnen, sprechen sie zurzeit von „abstrakt“. Doch Verunsicherung und Angst, die das gegenwärtige Weltchaos aus unterschiedlichen Bedrohungen bei vielen Menschen auslösen kann, sind konkret. Radiohead-Songs bieten viele Zeilen, die diese beklemmenden Gefühle treffend beschreiben. „Das Böse hat triumphiert, es gibt kein Entrinnen, du kannst ruhig schreien, es ist zu spät“, singt Thom Yorke etwa in „2+2=5“.
Das Böse hat triumphiert, es gibt kein Entrinnen, du kannst ruhig schreien, es ist zu spät.
Radiohead-Song „2+2=5“
„Das ist keine Panikmache, das passiert wirklich“, heißt es in „Idioteque“. Doch wen trifft man da in der Idioten-Disko – wer könnte aktuell gemeint sein? Diktatoren? Nicht-Unterzeichner des Pariser Klimaabkommens? Die, die Hass säen? Bestimmt – und viele andere auch.
Im Schädel des Protagonisten von „Paranoid Android“ lärmen Stimmen ungeborener Hühner. „Könnten Sie bitte den Lärm unterlassen? Ich versuche, mich auszuruhen.“ In einer Welt, in der die Lauten immer lauter zu werden scheinen und die Leisen immer leiser, brauchen wohl alle ein bisschen Ruhe.
Radiohead spielen auf einer runden Bühne in der Mitte des Innenraums. Yorke, die beiden Gitarristen Jonny Greenwood und Ed O’Brien, Colin Greenwood am Bass, Schlagzeuger Phil Selway und Tour-Percussionist Chris Vatalaro sind anfangs innerhalb einer zwölfeckigen, transparenten Konstruktion, die einerseits als Videowand dient, andererseits aber wie ein kafkaesker Käfig wirkt. Oder wie ein Aquarium. Als die Umrandung später nach oben fährt, sind sinnbildlich alle unter Wasser – die Band und das Publikum. Quallen schweben vorbei, beobachtet Yorke in „Bloom“.
Knifflige Rhythmen, spukende Elektronik
In vielen Songs besingt der 57-jährige Musiker das Gefühl, sich verloren und verlassen zu fühlen, aber auch die Hoffnung auf einen Ausweg ist da. Um zu entkommen, muss er in „Weird Fishes/Arpeggi“ sogar bis zum Grund des Ozeans tauchen.
Die Band bietet all das, wofür sie bekannt ist: die Melancholie, die Verletzlichkeit, den Kitsch, das Kunstvolle, die kniffligen Rhythmen, die spukende Elektronik, die wuchtigen Gitarren, das einsame Klavier und bei „No Surprises“ das schneekalte Glockenspiel. Würde Rilkes Panther singen, klänge er womöglich wie Yorke.
Zu traurig, zu negativ, zu verkopft, zu experimentell, Leidshow? Nicht alle meinen es gut mit Radiohead. Noel Gallagher zum Beispiel. Mehrmals schon zog der Oasis-Chef in der Vergangenheit über die Kollegen her. Würde Yorke in eine Glühbirne kacken und darauf blasen wie auf einer leeren Bierflasche, selbst dafür würden Radiohead vom „Mojo“-Musikmagazin mit 9 von 10 Punkten ausgezeichnet, beschwerte sich Gallagher 2015 in einem Interview des Magazins „Esquire“.
Der Oasis-Vergleich
Bei ihrem eigenen Comeback in diesem Sommer spielten die wiedervereinten Gallagher-Brüder unter anderem vor 81.000 Fans im ausverkauften Londoner Wembley-Stadion – und das sieben Mal. Wie es war, beschreibt am besten die Bier-Bilanz, ein neuer Rekord, wie es hieß: Die Oasis-Fans tranken laut Cateringfirma an jedem der sieben Abende im Schnitt 250.000 Pints, umgerechnet mehr als 140.000 Liter – als könnte man sich ins Jahr 1995 zurücksaufen, in eine vermeintlich heile „Wonderwall“-Zeit zwischen Mauerfall und 9/11-Horror.
Dieses Lied zusammen mit 81.000 anderen Menschen zu singen, kann ziemlich befreiend sein. Oasis sind Vertreter des Konzepts Südkurve. „Wir sind Party-Leute“, sagte Gallagher gegenüber „Esquire“.
Nicht, dass Radiohead keine Fetenhits hätten. „Let Down“ und „Fake Plastic Trees“ beispielsweise oder „Karma Police“ mit der Zeile „For a minute there I lost myself, I lost myself“, die gefühlt alle 17.000 in der Halle herausschreien. „Für einen Moment habe ich mich selbst verloren, ich habe mich selbst verloren.“ Yorkes Klagen und der hypnotische, von Pink Floyd und Love Parade inspirierte Sound begeistern das Publikum. Euphorie im Jammertal.
Zu „15 Step“, einem Song im ungeraden Fünf-Viertel-Takt, muss man ebenso ungerade tanzen. Yorke macht es vor, viele der 17.000 machen mit. Sich wundersam bewegen, auch das kann etwas Befreiendes haben. Bei ihrer eigenen Suche nach Schönheit erschafft die Band Schönheit für alle im Aquarium.
Gut, dass es Radiohead wieder gibt. Für ein echtes Comeback fehlt jetzt noch neue Musik.