Hohe Intensität im Bett

Lustvoller Schmerz: Wie „Rough Sex“ beim Loslassen helfen kann

Mehr Intensität beim Sex: Beim einvernehmlichen "Rough Sex" führen leichte Bisse, Kratzen, Schläge und spielerische Machtmomente die Lust – etwas, wonach sich immer mehr Menschen sehnen.

Es gebe auch Phasen, in denen sie mal „Vanilla Sex“ brauche, mit kuschligen und zärtlichen Momenten, erzählt Anna, 27 Jahre alt. Meistens stehe sie aber auf härteren Sex. Dass sie es mag, an den Haaren gezogen zu werden oder einen Klaps auf den Hintern zu bekommen, hat sie in ihrer ersten Beziehung gemerkt. Sie war 17. Ihr Freund 27. Seine Entschlossenheit im Bett habe sie beeindruckt und ihr diese andere Welt der Sinnlichkeit eröffnet, sagt sie.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Dos and Don’ts: Die Grundvoraussetzung für intensiven Sex ist Vertrauen und Kommunikation.

Der Begriff „Rough Sex“ bezeichnet körperlich und emotional sehr intensiven Sex. Leichte Bisse, Kratzen und Schläge in gegenseitigem Einverständnis können dazu gehören, genauso Formen von Machtspielen. Während „Rough Sex“ eher spontan und intuitiv praktiziert wird, ist BDSM ritualisierter, strukturierter und beinhaltet Praktiken wie Schmerz oder explizite Rollenspiele.

Über Regeln und Tabus sprechen

Die Grundvoraussetzung für das Ausleben ihrer Neigung sei Vertrauen, erzählt Anna. Vor dem Sex kommuniziert sie ihren Spielpartnern ihre Dos and Don’ts, also erwünschte und verbotene Verhaltensweisen in bestimmten Situationen. Sie klären auch, wer die dominante und wer die empfangende Rolle übernimmt. Kenne man sich besser, könne sich das auch spontan entwickeln, so die 27-Jährige. Ihre Neigung zu rauem Sex hänge stark mit dem Abschalten des Kopfes zusammen: „Ich muss nicht in die Verhandlungsrolle zurück, sondern kann in der Empfängerrolle bleiben.“ Das helfe ihr, sich hinzugeben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Bondage: Das Fesseln des Körpers mit Seilen oder Manschetten kann als lustvoll und erregend erlebt werden.

Meist beginnt es mit spielerischem Kräftemessen, bei dem man sich gegenseitig die Hände festhält oder an den Schultern sanft nach unten drückt, sagt sie. Auch Praktiken aus dem BDSM wie Bondage, das Fesseln des Körpers mit Seilen, Manschetten, Handschellen oder ein Knebel im Mund können für Anna Teil des Liebesspiels sein.

Konsens und Safewords

Gegenseitiges Einvernehmen darüber, dass alle Beteiligten einer Handlung freiwillig, informiert und eindeutig zustimmen, stehe an erster Stelle. „Bei ‚Rough Sex‘ habe ich immer ein Safeword und damit die Rückversicherung zu sagen: bis hierhin und nicht weiter.“ Davon sehr klar abzugrenzen ist CNC – „Consensual Non-Consent“-Sex, erzählt Anna. „Bei CNC wird auf ein Safeword verzichtet, stattdessen wird ein Verhandlungswort vereinbart, nach dem theoretisch weitergemacht werden kann.“ CNC wird oft als Subkategorie des BDSM-Bereichs betrachtet und erfordert eine hohe emotionale Reife, klare Kommunikation und tiefes Vertrauen zwischen den Partnern.

 

Auf den Punkt

„Rough Sex“ ist kein einheitliches Konzept.

Der Begriff „Rough Sex“ bezeichnet körperlich und emotional sehr intensiven Sex. Leichte Bisse, Kratzen und Schläge in gegenseitigem Einverständnis können dazu gehören, genauso eine Form von Machtspielen.

 
Konsens und Kommunikation haben Priorität.

Die Grundvoraussetzung für „Rough Sex“ ist Vertrauen und klare Kommunikation. Vorher vereinbaren die Sexualpartner Safewords und Do‘s and Dont‘s.

 
Aftercare ist wichtig.

Das Nervensystem braucht einen Übergang mit körperlicher Nähe, Gesprächen, gemeinsamem Herunterkommen. Ohne Aftercare können emotionale Einbrüche entstehen, selbst wenn der Sex einvernehmlich und lustvoll war.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Jeder Dritte hat Erfahrungen mit „Rough Sex“

Studien berichten, dass in Deutschland rund ein Drittel der Erwachsenen Erfahrungen mit „Rough Sex“-Praktiken hat, unter jüngeren Menschen sind es noch mehr. „Die meisten Menschen praktizieren allerdings nach wie vor ein breites sexuelles Spektrum, abhängig vom Gegenüber, der Lebensphase, der Situation und vielem mehr“, sagt die Paar- und Sexualtherapeutin Carina Pflumm. „Durch Pornografie, Social Media und Popkultur ist ‚Rough Sex‘ sichtbarer und damit auch normalisierter geworden.“ In ihrer Praxis in Stuttgart erlebt sie häufig junge Menschen, die durch Eindrücke aus den Medien glauben, härteren und dominanteren Sex praktizieren zu müssen.

Warum Menschen in der Sexualität nach immer intensiveren Erfahrungen suchen, lasse sich mit anderen Lebensbereichen vergleichen, in denen das Bedürfnis nach starken Reizen und Grenzerfahrungen eine Rolle spiele, so Pflumm. Als Hochschuldozentin unterrichtet sie mit dem Schwerpunkt Alternative Sexualität und Beziehung. Die einen würden Extremsport betreiben, die anderen „Rough Sex“ oder BDSM. Dazu komme die psychologische Dimension: Wer jemandem genug vertraut, sich fallen zu lassen oder Kontrolle abzugeben, erlebe diese Intensität als tief verbindend – und zwar nicht trotz der Härte, sondern durch sie.

Extremer Kick: Adrenalin und Endorphincocktail

„So Sex zu haben gibt mir das Gefühl, als Mensch in meiner Rohform gesehen und genau dafür gefeiert zu werden“, erklärt Anna. „Der durch die Aufregung entstehende Hormoncocktail aus Adrenalin und Endorphinen ist ein Riesenkick.“ Die starke Wirkung von „Rough Sex“ liegt für sie in der Verbindung von körperlicher und emotionaler Grenzerfahrung. „Neulich wurde es unerwartet doch heftig. Danach heulte ich, er leckte meine Tränen ab und grinste.“ Sie erzählt weiter: „Er vermittelte mir, dass ihn das auch erregt hat, und das steigerte meine Lust wiederum. In diesem Moment war ich mir nicht sicher, ob es für mich noch in Ordnung war. Rückblickend war es jedoch sehr erregend für mich.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Gemeinsam nachspüren: Aftercare kann in Form von Berührungen, Gesprächen, Ruhe, Wärme oder durch Präsenz geschehen. Entscheidend ist, dass sich alle Beteiligten gesehen und gut aufgehoben fühlen.

Nach einem solchen Erlebnis fühle sie sich positiv ausgepowert – wie nach dem Sport – und brauche Nähe und Ruhe. „Ich möchte dem Erlebten mit meinem Spielpartner gemeinsam nachspüren“, sagt die 27-Jährige. Wie viel Zeit sie dann noch mit ihrem Spielpartner teile, hänge von der Intensität der Session ab. Das vorherige Machtgefälle sei dann aufgelöst, und man begegne sich wieder auf Augenhöhe.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Aftercare gehört nach intensiv gelebter Sexualität dazu. „Das Nervensystem braucht diesen Übergang mit körperlicher Nähe, Gesprächen, gemeinsamem Herunterkommen – ohne ihn können emotionale Einbrüche entstehen, selbst wenn der Sex einvernehmlich und lustvoll war“, erklärt Sexualtherapeutin Pflumm.

Lustvoller „Rough Sex“ beschämt nicht

Doch wo liegen die Grenzen? Wann handelt es sich noch um ein lustvolles und spielerisches Miteinander, wann ist das Bedürfnis nach „mehr“ Ausdruck von Druck, Angst oder Abhängigkeit?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Lustvoller ‚Rough Sex‘ ist von Freiwilligkeit, Lust und Verbindung getragen. Danach erzählen beide von Zufriedenheit, nicht von Erschöpfung oder Scham“, so die Expertin. Wenn einer berichtet, dass Grenzen überschritten werden, weil der Partner es erwartet, oder wenn es sich nach Pflicht oder Selbstverlust anfühlt, ist das ein Warnsignal.

Bedürfnis nach härterem Sex?

Doch wie bespricht man das Bedürfnis nach härterem Sex in einer Beziehung, in der es bis dahin eher sanft zuging? Da „Rough Sex“ kein einheitliches Konzept ist, sollte man benennen, was genau man sich vorstellt, rät die Expertin. Und zwar nicht im Moment der Erregung, sondern besser in einer ruhigen Gesprächssituation, möglichst ohne Erwartungsdruck.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Eine neugierige Haltung ist besser als eine Forderung. Wenn der Partner absolut nicht will, sollte er sich auch nicht verpflichtet fühlen.“ Dann könnte man immer noch über Zwischenstufen oder Varianten sprechen, mit denen beide gut leben können, so Pflumm. Spannend sei hier die Frage: Wie gut kann ich nein sagen und wie gut kann ich aushalten, mein Gegenüber zu enttäuschen?

Grenzüberschreitung: Vorsätzlich oder unbewusst?

Kommt es beim härteren Sex zu einer Grenzüberschreitung, kann es relevant sein zu schauen, ob der andere es nicht besser wusste, oder ob es eine bewusste, vorsätzliche Grenzüberschreitung war. Wichtig ist, wie Sexualpartner in der Zukunft damit umgehen. Kommt es beim Sex wiederholt zu Scham, Schmerz ohne Lust, Konflikten in der Beziehung oder dem Gefühl, die eigene Grenze nicht schützen zu können (ob als aktiver oder passiver Part), rät die Expertin zu professioneller Hilfe.