Warum wollen alle diese gigantischen Becher?
Der Hype ist fast so gigantisch wie die Becher selbst – und lässt sich in sozialen Netzwerken miterleben: Menschen campen vor der Supermarktkette Target, um die neusten Stanley Cups zu bekommen. Sammlerinnen präsentieren stolz ihre Collections. Jugendliche brechen unter dem Weihnachtsbaum in Tränen aus, weil sie eine heißersehnte Stanley Cup geschenkt bekommen haben.
Aber auch in Europa sind die Trinkbecher längst angekommen. Allein im vergangenen Jahr konnte die Herstellerfirma Stanley so ihren Umsatz laut „Forbes“ von 75 Millionen Dollar im Jahr 2019 auf 750 Millionen Dollar erhöhen. Was ist so besonders an diesen Bechern?
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Zur vollständigen AnsichtBecher als sportliches Accessoire
(Große) Flaschen und Thermoskannen gibt es immerhin schon seit Jahren. Flaschentrendsetter waren bereits in den 1970ern die Plastikflaschen des Herstellers Nalgene. In den 90ern waren dann Flaschen mit „Nippeldeckeln“ sehr beliebt. Sie waren damals aber noch vor allem mit sportlicher Outdooraktivität assoziiert. Zudem hat die Technik einen Nachteil: Nippeldeckel sind öfter undicht und darüber hinaus anfälliger für Schimmel.
Trinkflaschen aus Edelstahl, wie sie besonders seit den 2010ern gefragt sind, können da schon eher Abhilfe schaffen. Sie lassen sich nicht nur einfach verschrauben, sondern sind auch eine plastikfreie Alternative zu anderen To-go-Bechern (besonders wichtig für Menschen, die Wert auf Nachhaltigkeit legen). Der Nachteil: Beliebte Flaschen wie etwa von S’well und Hydro Flask passen nicht in die Getränkehalter von Autos. In den USA ist das ein Problem.
Eigentlich ein Auslaufmodell
Auch die Firma Stanley ist schon mehr als hundert Jahre alt. Damit aus dem Stanley Cup (nicht zu verwechseln mit dem Pokal der amerikanischen Eishockeyliga NHL) ein modernes Hype-Produkt werden konnte, mussten einige Faktoren zusammenkommen. Denn ursprünglich richteten die Thermobecher des Unternehmens sich mehr an „Blue Collar Workern“ und Outdoor-Enthusiasten – und weniger an jugendliche Influencer.
Blue Collar Worker vs. White Collar
Blue Collar Worker bezeichnet in den USA im allgemeinen Arbeitnehmernehmer, deren Arbeit häufig durch Muskelkraft oder körperliche Anstrengung verrichtet werden: klassisch Bauarbeiter, Mechaniker, Holzfäller oder andere anstrengende Tätigkeiten. White Collar Worker hingegen sind in Büros zu finden und häufig die Vorgesetzen, da das „Blue“ und „White“ sich auf deren Hemdkragen bezieht. Bis heute besitzt der Begriff deshalb auch eine politische Konnotation, steht in diesem Zusammenhang aber auch für robuste Produkte, die sich bewährt haben.
Tatsächlich war der sogenannten „Stanley Quencher“ sogar ein auslaufendes Modell – im wahrsten Sinne des Wortes. Aufgrund seines offenen Deckels, durch den ein Strohhalm führt, war er bei seiner eigentlichen Zielgruppe „hart arbeitenden Bauarbeiter“ und Campern eher unbeliebt.
Plötzlich neue Zielgruppen
Doch 2017 wurde eine Gruppe von Müttern auf die pastellfarbenen Trinkgefäße mit dem übergroßen Griff aufmerksam, berichtet der Fernsehsender „NBC“. Gemeinsam betreiben diese den Blog „The Buy Guide“ in dem sie Produktempfehlungen, Kaufberatungen und Tipps zu Alltagsgegenständen geben. Sie trugen zur Popularität des Produkts bei – und waren auch maßgeblich daran beteiligt, dass die Produktion des Bechers 2019 nicht eingestellt wurde.
Durch den „Buy Guide“ hatte der Becher eine neue Zielgruppe bekommen: weiße Frauen aus der amerikanischen Mittelschicht. Auch Stanley-Chef Terence Reilly erkannte das Potenzial. Mit den von vielen doch eher als unästhetische empfundenen Gartenschuhen Crocs war es ihm zuvor schon einmal gelungen, ein vor allem praktisches Produkt in ein Lifestyleprodukt zu verwandeln. Erste limitierte Cross-Promotion-Deals mit Starbucks und anderen Marken – wie auch schon bei Crocs – befeuern jetzt den Hype weiter.
Perfekt für Social Media
Doch damit allein lässt sich der plötzliche Erfolg nicht erklären. Das Unternehmen hatte Glück, dass sein Produkt in eine Zeit fällt, in der auch das Trinken von Wasser in den sozialen Netzwerken zelebriert wird. Mit dem Hashtag #stay-hydrated erinnern viele Menschen daran, genügend Wasser zu trinken. Die 1,2L Cups können dabei hilfreich sein, die empfohlenen bis zu 1,5 Liter am Tag zu trinken. Zudem schafft es der Cup laut eigener Webseite und zahlreichen Selbstversuchen der Tiktok-Community tatsächlich, Getränke fast einen Tag lang kühl oder mehrere Stunden warmzuhalten.
Ein weiterer, für den Erfolg des Bechers wichtiger, Trend namens #watertok besteht daraus, mit Sirups, Pulver und Glitter aufwendig aufgepepptes Wasser zu trinken. Besonders beliebt sind dabei bunte Geschmäcker wie Birthday-Cake oder Unicorn, welche Süßstoffe statt den in Softdrinks üblichen Zucker verwenden. Wie gesund dies ist, ist zwar noch umstritten, die farbenfrohen Stanley Cups passen jedenfalls nicht nur in Autobecherhalter, sondern auch zu der gewünschten Ästhetik.
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Zur vollständigen AnsichtViel Kritik und Spott
Doch wie bei jedem Hype mehren sich inzwischen auch kritische Stimmen. Sie richten sich vor allem gegen die Sammelwut mancher Fans. Eigentlich sind die Becher sehr langlebig – und ja zum Wiederverwenden ausgelegt: Ein oder zwei Becher würden also für den privaten Gebrauch reichen. Stattdessen präsentieren stolze Besitzerinnen und Besitzer teilweise Dutzende original verpackte Becher oder stimmen sie wie ein Accessoire nur einmal auf ihr Outfit ab und nutzen ihn dann vielleicht nie wieder. Auch gibt es inzwischen zahlreiches Zusatzmaterial wie Strohhalme oder Tragetaschen zu kaufen, die häufig in China produziert und über Temu angeboten werden.
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Der „Vox“-Journalist Alex Abad-Santos bringt die Kritik vieler auf den Punkt: „Stanley geht es nicht wirklich darum, den Leuten zu verkaufen, was sie brauchen. Wenn ja, sollte eine wiederverwendbare, unzerstörbare Wasserflasche mit lebenslanger Garantie ausreichen. Bei den limitierten Editionen, den unzähligen Sammlervideos auf TikTok, den WaterTok-Influencern und ihren süßen Wassern, die für ihre zahlreichen Stanleys werben, und dem Umsatz von 750 Millionen US-Dollar geht es darum, so viele Quenchers wie möglich an so viele Menschen wie möglich zu verkaufen.“
Zwar müsste ein Becher aus Stahl laut MIT je nach Berechnung nur etwa zehn bis 20-mal wiederverwendet werden, um eine vergleichbare Bilanz wie eine Einwegflasche zu besitzen, bei Sammlungen von bis zu zehn Bechern kann dies aber schon eine Weile dauern – länger, als der Hype vielleicht anhält.
Hinweis: Wir haben die Angabe zur Wiederverwendung am 12.1.24 präzisiert.