Die ESC-Reform: Das plant der SWR für den Vorentscheid
Eine dreistündige Liveshow am Samstagabend, zwei Dokus und eine generalstabsmäßig geplante Songsuche: Bei der Auswahl der deutschen Kandidaten für den Eurovision Song Contest am 16. Mai 2026 in Wien schöpft der erstmals zuständige SWR aus dem Vollen. Man verspricht für den deutschen Vorentscheid am 28. Februar um 20.15 Uhr im Ersten nicht weniger als „großartige Performances“ und den „perfekten Act, der Deutschland beim 70. ESC leuchten lässt“.
Mit diesem markigen Versprechen lässt sich Tina Sikorski zitieren, neue ESC-Delegationschefin beim SWR. Sie ist keine senderinterne Kompromisskandidatin, sondern eine externe Branchenkennerin: Sikorski war zuletzt an der Popakademie Baden-Württemberg und als Geschäftsführerin der Initiative Musik tätig. Nun soll sie die zuletzt chronische Erfolglosigkeit Deutschlands beim ESC beenden helfen.
Stefan Raab hingegen ist raus. Nur ein Jahr hielt damit das ESC-Joint-Venture zwischen RTL, Raab und der ARD. Das Duo Abor & Tynna („Baller”) landete 2025 in Basel auf Platz 15 - ein solides Ergebnis, aber nicht die erhoffte Großtat des „ESC-Retters“. Der Vorentscheid allerdings war mit 3,55 Millionen Zuschauern der erfolgreichste seit 2016. An dieser Latte wird sich der SWR messen lassen müssen.
Fünf Länder boykottieren den ESC 2026
Es wird ein spezieller ESC. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalterin hatte sich das so hübsch vorgestellt: Der Contest feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag, dazu plante man im Mai in Wien eine Megasause mit Rekord-Teilnehmerzahl und reichlich paneuropäischer Liebe in der Luft. Stattdessen überschattet (erneut) der Israel-Konflikt das größte Musikspektakel der Welt - Spanien, Irland, Island, Niederlande und Slowenien boykottieren den ESC. Weil Israel mitsingt. 35 Länder werden nun teilnehmen, 37 waren es in Basel.
Der schweizerische ESC-Sieger von 2024, Nemo („The Code“) hat seine Trophäe aus Protest gegen die Teilnahme Israels zurückgegeben. Und auch Tom Neuwirth alias Conchita Wurst - österreichische Siegerin von 2014 - hat angekündigt, sich aus dem ESC-Zirkus zurückzuziehen, das gelte auch für den ESC in ihrer Heimat. Allerdings nicht wegen Israel: „Ich löse mich, um andere berufliche Projekte stärker in den Fokus zu rücken.“
Die Verantwortlichen der EBU bemühen sich derweil, den weiter schwelenden Israel-Konflikt mit der üblichen, blumigen Weltumarmungsyrik zu übertünchen: Der ESC bleibe „ein Ort, an dem Stimmen, Kulturen, Sprachen und Musik miteinander verschmelzen“ und zeigten, „dass in einer schwierigen Welt eine bessere möglich ist“, dichtete EBU-Direktor Martin Green. Immerhin: Die EBU versprach, eventuelle Proteste gegen Israels Teilnahme unter den 16.000 Zuschauern nicht akustisch zu verschleiern: „Wir werden keinen künstlichen Applaus irgendwo drüberlegen.“
Wir werden keinen künstlichen Applaus irgendwo drüberlegen.
EBU
Der SWR hielt sich lange bedeckt
Es wird also eine Party mit gebremstem Schaum. In Deutschland hielt sich der SWR lange mit Details zu der Frage zurück, wie genau man die deutsche ESC-Durststrecke beenden will. Der Grund: Die ARD hätte, wäre Israel ausgeschlossen worden, vermutlich erstmals in der ESC-Geschichte auf eine Teilnahme verzichtet.
Nun aber sind Einzelheiten durchgesickert: In einem internen Auswahlprozess hat der Sender seit Herbst 2025 in einem mehrstufigen Verfahren Bands und Solokünstler gesichtet sowie Songwriting-Camps veranstaltet. Die aussichtsreichsten Acts durchliefen eine internationale Marktforschungsstudie, die eine ESC-Abstimmung simulierte. Mit im Spiel waren nach Informationen des Blogs „ESC kompakt“ auch Expertenjurys und „musikaffine Normalos“ aus mehreren Ländern.
Gesucht: Künstler mit „internationalem Appeal“
Mathematik, Jurys, Songwriting-Camps - damit kombiniert der SWR gleich mehrere ESC-Formeln des NDR. Die Vorgaben an die Bewerber: kein Einsatz von Künstlicher Intelligenz, dafür „internationales Appeal“, ein „professionelles Umfeld“ und „Medienerfahrung“. Wer beim Vorentscheid ins Rennen geht, soll noch im Januar bekanntgegeben werden. Gesucht waren „Artists, die das Talent sowie die Persönlichkeit für eine internationale Karriere in sich tragen“ (SWR).
Tatsächlich? Gemessen daran überrascht das Gerücht, dass auch Sängerin Sarah Engels sich um ein Ticket für Wien bewerben könnte. Die „DSDS“-Zweitplatzierte von 2011 schürt bei Instagram entsprechende Gerüchte, hat sich in den letzten Jahren aber eher auf dem Gebiet der Boulevardmedienbespaßung ausgezeichnet, auch dank einer Kurzehe mit Pietro Lombardi. Ihre Teilnahme würde eher an die Trash-Jahre des ESC in den Nullerjahren anknüpfen.
Kann es dem SWR gelingen, den deutschen ESC-Bemühungen neues Feuer einzuhauchen? Der NDR hat den Wettbewerb zuletzt klar als moderne Popshow verstanden - und endlich nicht mehr als plüschiges Käseigel-Schlagerevent für Windmaschinennostalgiker. Das Entertainmentverständnis des SWR hingegen gilt ARD-intern eher als bieder. Auch dass der SWR wieder die Nähe zu Plattenfirmen suchte, erinnert eher an die Jahre, als der Vorentscheid als Marketingplattform für Formatradio-Nachwuchskünstler genutzt wurde - ohne großes Verständnis von dem, was beim ESC gefragt ist: Originalität, Glaubwürdigkeit, Emotion und Mut zum Risiko.
Die für den ESC-Vorentscheid zuständige Produktionsfirma Kimmig Entertainment zeichnet unter anderem für die „Helene Fischer Show“, die „Beatrice Egli Show“ und (seit Jahrzehnten) die „Bambi“-Verleihung verantwortlich. Auf dem Gebiet einer modernen Popshow hat man sich noch nicht hervorgetan.