Ein Gastbeitrag zum Tag des Lokaljournalismus

Das Spagat-Medium

Vor mehr als 20 Jahren hat der Medienwissenschaftler Philip Meyer ein Buch mit dem Titel „The Vanishing Newspaper“ veröffentlicht, das Verschwinden der Zeitung. Es handelt sich um eine extrem ausführlich geratene Todesanzeige, versehen mit einem konkreten Datum. Anfang 2043 finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, so seine Prognose, die letzte gedruckte Zeitung in Ihrem Briefkasten, dann stirbt sie, die Tageszeitung.

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Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft. Kürzlich erschien sein Buch „Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen.“

Ich habe lange geglaubt, dass Meyer übertreibt und mich über seine Untergangsprophezeiung lustig gemacht. In den letzten Jahren habe ich intensiv im Silicon Valley und den USA geforscht – und meine Meinung geändert. Denn hier bin ich sogar „news deserts“ begegnet, Nachrichtenwüsten in Gemeinden und Kommunen, in denen es überhaupt keine unabhängige journalistische Berichterstattung mehr gibt, nur noch ein paar schwindsüchtige Anzeigenblätter und radikal parteiische, die Leser aufpeitschende Websites. Die fatalen Folgen: Wenn der Journalismus im Lokalen und Regionalen schwächer wird, so zeigen Studien, nimmt die Korruption zu, steigt die Umweltverschmutzung, sinkt das zivilgesellschaftliche Engagement.

„Standpunkt“ – der Gastkommentar

Unsere Gesellschaft lebt davon, dass die beste Idee gewinnt. Dafür braucht es Debatten und Argumente – auch wenn sie kontrovers sind. Argumente, die aus praktischen Erfahrungen gespeist sind. Im Gastbeitrag „Standpunkt“ lassen wir deshalb Menschen zu Wort kommen, die wichtige Debatten und Ideen aus ihrer Praxis beurteilen können. Und bieten ihnen einen festen Ort, um zu hinterfragen, ob eine Idee nur groß ist oder wirklich Potenzial hat – und welche Argumente der Realität standhalten.

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Warum? Drei Gründe. Zum einen entsteht ein publizistisches Vakuum, das fortan von PR-Bullshittern und Populisten befüllt wird. Zum anderen stellt die unabhängige Berichterstattung ein Instrument der Kontrolle dar. Und schließlich funktioniert die Lokalzeitung idealerweise als ein Spagat-Medium. Sie verbindet unterschiedliche Perspektiven, würdigt das Engagement von Einzelnen und Initiativen aller Art. Und sie gibt dem großen, grummelnden Gespräch der Gesellschaft über sich selbst einen konkreten Ort.

Natürlich heißt dies nicht, dass man den Lokaljournalismus einfach nur feiern sollte. Gerade weil die Anzeigen wegbrechen und mancherorts die Lügenpresse-Krakeeler lauter werden, braucht es heute eine Transparenz-Offensive, die ihresgleichen sucht.

Journalistinnen und Journalisten müssen in Artikeln, in Schulprojekten und auf den Plätzen einer Stadt ihre Arbeit wieder und wieder erklären, um den Pakt mit einem längst selbst medienmächtig gewordenen Publikum neu zu begründen.

Dieses Ringen um Akzeptanz und Vertrauen ist ein notwendiger Zweitjob. Denn es stimmt, was der kürzlich verstorbene Sozialphilosoph Jürgen Habermas einmal gesagt hat: Eigentlich kann sich keine demokratische Gesellschaft das Verschwinden der Zeitung leisten, schon gar nicht im Lokalen, so muss man sofort hinzufügen. Denn ein vitaler Lokaljournalismus ist das Lebenselixier der Demokratie.

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