„Ich glaube, dass uns mehr Frauen in Führungspositionen gerade verdammt guttäten“
München. Maria Furtwängler hat extra kein Frühstück gegessen. „Ich frühstücke wahnsinnig gerne sehr opulent, aber weil wir jetzt so früh Mittagessen, habe ich mir das verkniffen“, sagt sie. Dementsprechend freut sich die Schauspielerin auf die Reisnudelschale mit gebratenem Tofu, die sie bestellt hat. „Tofu schmeckt oft nicht besonders, aber der hier schmeckt richtig gut“, sagt sie.
Sie muss es wissen: Furtwängler ist häufiger im Cochinchina, dem vietnamesischen Lokal in München-Schwabing, in dem wir uns treffen. An diesem spätsommerlichen Tag Ende August kommt sie zu Fuß hergelaufen, ihre Produktionsfirma hat ihr Büro nicht weit entfernt. Denn ermittelt Furtwängler nicht gerade als Kommissarin Charlotte Lindholm in Niedersachsen, ist der Süden Deutschlands ihre Heimat. Sie wurde geboren in der bayerischen Landeshauptstadt, lebt mittlerweile am Tegernsee am Alpenrand.
Zu Tisch mit …
In der Reihe „Zu Tisch mit …“ treffen wir prominente Menschen zum Essen. In der offenen Atmosphäre einer gemeinsamen Mahlzeit sprechen wir über Themen, die unseren Gast bewegen.
Münchnerin als norddeutsche „Tatort“-Ermittlerin
Die norddeutsche Kultermittlerin spielt sie dennoch sehr glaubwürdig, und zwar bereits seit fast 25 Jahren. Am 13. September eröffnet ihre Figur die neue „Tatort“-Saison nach der langen Sommerpause mit dem neuen Fall „König in Gelb“. Lindholm ermittelt darin zum Tod einer Bewohnerin eines Demenzdorfes – mit einem eigentlich freigestellten Kollegen, der ebenfalls an beginnender Demenz erkrankt ist.
Frau Furtwängler, wie sehr hat Sie das Thema Demenz im neuen „Tatort“ zum Nachdenken gebracht?
Das Thema Demenz ist in meiner Familie sehr präsent. Mein Vater ist an Demenz erkrankt und letztendlich daran gestorben. Das ist ein besonderer „Tatort“-Fall, weil Charlotte sich nicht mehr auf das verlassen kann, worauf sie sich sonst immer verlassen kann, nämlich auf Fakten, Klarheit und normales Ermitteln.
Was haben Sie über den Umgang mit dementen Menschen gelernt?
Man muss ein Stück weit lernen, seine eigene Gereiztheit oder Enttäuschung, weil Dinge nicht mehr funktionieren, zu umschiffen. Das habe ich auch mit meinem Vater lernen müssen. Mir hatte damals ein Alzheimer-Forscher geraten, weniger auf das zu achten, was nicht mehr geht und stattdessen bewusst das zu fokussieren und sich darüber zu freuen, was noch geht, wie etwa Lieder singen oder Gedichte aufsagen.
Lässt sich dieses Prinzip auf andere Lebensbereiche übertragen?
Total, auch im Umgang mit uns selbst. Ich könnte jetzt mit meinem Geburtstag vor mir darüber verzweifeln, was alles nicht mehr schön und knackig ist. Aber ich bin stattdessen wahnsinnig dankbar dafür, wie toll mein Körper funktioniert. Ich habe keine Schmerzen, ich fühle mich extrem wohl in meinem Körper, der bringt mich nach wie vor auf Berge. Das ist doch toll und im Grunde genau das Gleiche – nämlich auf das zu blicken, was schön ist und sich gut anfühlt.
Können Sie das heute mehr wertschätzen als vor 20 oder 30 Jahren?
Total, damals hat es mich mehr beschäftigt, dass der Hintern doch eigentlich so sein sollte und die Brüste doch größer sein müssten. Dieser Versuch, in ein bestimmtes Muster zu passen oder zu gefallen, nimmt zum Glück ab, wenn man älter wird.
„Tatort“-Ausstrahlung an Furtwänglers Geburtstag
Die Ausstrahlung des neuen „Tatort“ fällt nämlich auf Furtwänglers 60. Geburtstag. „Das ist schon eine kraftvolle Zahl, keine Frage“, sagt sie, und probiert zwischendurch auch mal ein Stück Seafood-Pancake der Reporterin, weil sie selbst doch immer das Gleiche bestelle. „Aber ich weiß nicht, wie viel die Zahl mit mir und meiner Selbstwahrnehmung zu tun hat. Da ist meine Selbstwahrnehmung mir einfach wichtiger und präsenter als die Zahl und die Vorstellung, die ich vor 20 oder 30 Jahren noch davon hatte.“
Was sich im Alter auch ändert für eine Schauspielerin, sind die Rollenangebote. Furtwängler selbst hat 2022 mit ihrer MaLisa Stiftung die Repräsentation von Frauen im deutschen Film untersucht. Ein Ergebnis der Studie: Der Anteil von Frauenfiguren, die älter als 30 sind, nimmt weiterhin ab und mehr als zwei Drittel der zentralen Figuren mit einem Alter über 50 sind männlich.
Frauen verschwinden mit zunehmenden Alter sukzessive vom Bildschirm und das merke ich auch. Natürlich habe ich mehr Angebote bekommen mit 30 als jetzt.
Maria Furtwängler, Schauspielerin und Produzentin
Merkt Furtwängler, die im vergangenen Jahr noch den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin in „Bis zur Wahrheit“ gewann und den Film selbst mitproduzierte, das auch am eigenen Leib? „Frauen verschwinden mit zunehmendem Alter sukzessive vom Bildschirm und das merke ich auch“, sagt sie. „Natürlich habe ich mehr Angebote bekommen mit 30 als jetzt.“
Furtwängler kritisiert Geschlechterverhältnis im Film
Sie habe in ihren Rollen im Film zudem auch fast immer deutlich ältere Männer als Partner gehabt. „Und wenn es mal andersherum ist, wird das direkt zum Hauptthema des Films gemacht, dass eine Frau einen zehn Jahre jüngeren Mann hat“, bemängelt sie. „So sind wir gesellschaftlich immer noch gepolt.“
Sind Sie auch deshalb neben der Schauspielerei in die Produktion gegangen, um es selbst anders zu machen?
Das war nicht die Hauptmotivation. Die Hauptmotivation war, sehr viel stärker den kreativen Prozess beeinflussen und Ideen umsetzen zu können, so wie wir das gemacht haben mit „Bis zur Wahrheit“. Ich hatte da eine Idee, habe eine Autorin und eine Regisseurin gefunden, und es dann gemeinsam entwickelt, mit meiner Produktionsfirma Atalante produziert und gespielt – toller geht’s nicht. Dann auch noch den Deutschen Fernsehpreis dafür zu bekommen, darüber habe ich mich sehr gefreut. Und es gab wahnsinnig viele Reaktionen.
Fernsehpreis: Furtwängler rüttelt auf, Tom siegt gegen Heidi
Beim Deutschen Fernsehpreis wird Otto gefeiert und eine Entscheidung im Rennen zwischen Tom Kaulitz und seiner Frau verkündet. Überraschend ist aber auch das Bein von Günther Jauch ein Thema.
Allerdings. Der Film hat auch eine Debatte darüber ausgelöst, was eigentlich eine Vergewaltigung ist, weil ihre Figur darin von dem wesentlich jüngeren Sohn eines befreundeten Paares vergewaltigt wird.
Ja, da gab es auf der einen Seite Frauen, die sagten „Endlich kann ich dir das erzählen“, wo sich Frauen durch den Film ermutigt gefühlt haben, von ihrem eigenen, traumatisierenden Erlebnis zu erzählen. Aber auch andere, die sagten: „Wenn das eine Vergewaltigung war, waren 80 Prozent meiner Sexualkontakte Vergewaltigungen“ oder von vielen Männern ein: „Sie ist die Täterin, er das Opfer“ oder „Sie ist selbst schuld“. Wir reden über „Nur Ja heißt Ja“, dabei sind wir uns als Gesellschaft nicht mal beim „Nein heißt Nein“ einig. Es ist so tief in uns drin, dass wir denken: „Ich hätte nicht mitgehen dürfen, ich hätte keinen Alkohol trinken dürfen, ich hätte mich nicht so anziehen dürfen.“ Das ist offensichtlich nicht so schnell zu ändern, und aktuell weniger denn je, wo es einen gewissen Backlash gibt.
Haben Sie das Gefühl, dieser politische Backlash kommt auch schon in der Filmbranche an?
Ich spüre, dass diese große Wachheit für Fragen der Diversität spürbar nachgelassen hat. Bei vielen Sendern ist immer noch ein Bewusstsein da, aber es wird deutlich weniger aggressiv verfolgt. Im Zuge der Haltung aus Amerika, nicht mehr mit Firmen zusammenzuarbeiten, die Diversitätsklauseln haben, wird das zurückgedreht. Auch wenn das die deutschen TV-Sender nicht unmittelbar betrifft, hat es einen Effekt. Das ist bedrückend, weil ich glaube, dass uns mehr Sichtbarkeit von Frauen und mehr Frauen in Führungspositionen gerade verdammt guttäten, um die Probleme ernsthaft anzugehen.
Zu denen auch die sich immer mehr verschärfende Klimakrise gehört.
Ich glaube, es ist kein Zufall, dass es im Bereich Umweltschutz ein paar sehr sichtbare, starke Frauen gibt. Vielleicht spüren wir als Frauen unsere unmittelbare Abhängigkeit von den Leistungen der Natur, von „Mutter Erde“ ganz besonders und sind daher eher bereit, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Ganz im Gegensatz zu den Staatenlenkern derzeit oder zur sogenannten Tech-Elite aus den USA, für die jede Form von Rücksichtnahme den Fortschritt, zu dem nur sie fähig sind, hemmen würde. Insgesamt beachte ich, stark getrieben von den sozialen Medien, dass da eine Vorstellung von Männlichkeit auf dem Vormarsch ist, die viel mit dem Zustand unseres Planeten zu tun hat. Da vermisse ich die Präsenz von Frauen extrem.
Furtwängler sehr präsent mit ihrem Engagement
Sie selbst ist da ein Gegenbeispiel und mit ihrem Engagement für Diversität im Film, für Klimaschutz und Biodiversität in der Öffentlichkeit und den Medien sehr präsent. Die Stiftung MaLisa gründete sie vor zehn Jahren gemeinsam mit ihrer mittlerweile 34-jährigen Tochter Elisabeth Furtwängler. „Mich bedrückt das extrem, wenn ich darüber nachdenke, welche Welt wir den Kindern von heute hinterlassen werden“, sagt sie.
Neben Tochter Elisabeth hat sie gemeinsam mit ihrem Ex-Mann, dem Verleger Hubert Burda, noch einen Sohn. Die Schauspielerin hätte aber am liebsten noch mehr Kinder gehabt, erzählt sie während des Essens, und findet plötzlich ein paar Lavendelzweige in der Tasche ihres hellen Blazers. Die von ihr geliebte Natur, sie begleitet sie bis in ein Münchner Stadtlokal.
Ich war selbst noch so jung und noch ein halbes Kind, als ich das erste Mal Mutter wurde. Ich wusste aber nach dem ersten Kind, das nicht geplant war, dass ich kein Einzelkind will.
Maria Furtwängler
Ihren Sohn bekam Furtwängler, da war sie 23 Jahre alt, ihre Tochter zwei Jahre später. „Ich war selbst noch so jung und noch ein halbes Kind, als ich das erste Mal Mutter wurde“, sagt sie. „Ich wusste aber nach dem ersten Kind, das nicht geplant war, dass ich kein Einzelkind will. Aber hätte ich dann mal einfach weitergemacht, hätte ich heute mehr Kinder“, sagt sie lachend. Damals sei ihr das zu viel gewesen, aber rückblickend hätte sie am liebsten vier Kinder. Aber wer weiß, ob sie dann heute auch „Tatort“-Kommissarin Lindholm geworden wäre – alles „Was-wäre-wenn“-Gedanken.
Furtwängler und Lindholm entwickeln sich gemeinsam
Die Kommissarin Lindholm jedenfalls spielt sie immer noch gern, denn wie sie selbst entwickelt sich auch die Figur weiter. „Ich glaube, dass ich heute mit einem bestimmten Alter eine andere Form von Weisheit, Gelassenheit und Klarheit mitbringe, die eben auch meiner Charlotte Lindholm verdammt guttut“, sagt Furtwängler, die ihre Reisnudelschale mittlerweile aufgegessen hat. „Auch Charlotte ist deutlich gelassener geworden und trotzdem immer noch wahnsinnig professionell.“ Wie die Schauspielerin, die sie verkörpert, und die jetzt los zum nächsten Termin muss – aber zumindest mit vollem Magen.
Maria Furtwängler hat eine Reisnudelschale mit frischen Kräutern, Gurkenstreifen, Sojasprossen und gebratenem Tofu gegessen (14,90 Euro), die Reporterin einen Seafood Pancake (19,90 Euro). Dazu teilten sie sich eine Flasche Wasser (7,90 Euro) und beide tranken eine Cola (je 4,30 Euro). Die Gesamtrechnung betrug somit 51,30 Euro.