Versuchter Terroranschlag in München: Was wir wissen und was nicht
Die Polizei hat am Donnerstagvormittag in der Münchner Innenstadt bei einem größeren Einsatz in der Nähe des israelischen Generalkonsulats einen Verdächtigen niedergeschossen. Er starb kurz darauf. Ermittler gehen inzwischen von einem versuchten Terroranschlag des getöteten Schützen aus – die wichtigsten Fragen und Antworten.
Die wichtigsten Fragen und Antworten:
Was ist passiert?
Polizisten entdeckten am Donnerstagvormittag gegen 9 Uhr in der Maxvorstadt den mit einem älteren Karabiner samt Bajonett bewaffneten Mann. Nach Aussage der Polizei schoss er beim NS-Dokumentationszentrum auf die Fassade und auf die Glastür. Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann schoss er auch gezielt auf die Polizisten, die das Feuer erwiderten. Wie Polizei-Einsatzleiter Christian Huber betonte, forderten die Beamten den Angreifer vor dem tödlichen Schusswechsel zum Niederlegen seiner Waffe auf. Fünf Beamte waren laut einem Polizeisprecher an dem Schusswechsel beteiligt. Seitens des Angreifers seien neun Schüsse abgefeuert worden, so Huber.
Der 18-Jährige war nach Polizeiangaben gegen 9.12 Uhr getroffen worden. Schon nach wenigen Minuten habe er keine Gegenwehr mehr leisten können, sagte der Münchner Polizeipräsident Thomas Hampel. Innerhalb kürzester Zeit waren rund 500 Polizistinnen und Polizisten in der Innenstadt in der Nähe des NS-Dokumentationszentrums und des israelischen Generalkonsulats im Einsatz, wie Herrmann berichtete. Darunter waren laut Polizei auch Spezialkräfte und ein Hubschrauber. Der Bereich um das Konsulat war über Stunden weiträumig abgesperrt. Ein Polizist und eine Passantin hätten jeweils ein Knalltrauma erlitten, weitere Verletzte habe es nicht gegeben, heißt es.
Auch am Freitagmorgen gab es noch Sperrungen. „Die Straßen sind frei, aber einzelne Gebäude oder Bereiche noch abgesperrt“, sagte ein Polizeisprecher. „Da finden auch heute noch Spurensicherungsmaßnahmen statt.“ Es handle sich nach wie vor um einen Tatort.
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Zur vollständigen AnsichtIn einem in den sozialen Medien verbreiteten Video, das offenbar aus dem Fenster eines benachbarten Gebäudes der Technischen Universität München gefilmt wurde, ist ein Mann in roter Hose und schwarzem Oberteil zu sehen, der mit einem Gewehr mit Bajonett – einer aufgesetzten Stichwaffe vorne am Lauf – auf einem Parkplatz neben dem Gebäude des israelischen Generalkonsulats sitzt. Zunächst hantiert der Mann ungestört mit seiner Waffe, geht dann einige Schritte, legt das Gewehr an und schießt. Dabei wird er vom Rückstoß des Schusses sichtlich zurückgeworfen. Anschließend sind im Hintergrund Sirenen zu hören, der Mann geht mit dem Gewehr in der Hand zunächst in Richtung der angrenzenden Barer Straße, bewegt sich dann wieder auf den Parkplatz.
Zum Ende des Videos hin ist zu sehen, wie der Mann mit seinem Bajonett auf ein Fenster eines Gebäudes neben dem israelischen Generalkonsulat einschlägt. Das RND konnte durch einen Abgleich des Videos mit Daten des Google-Dienstes Street View verifizieren, dass das Video tatsächlich am beschriebenen Tatort aufgenommen wurde.
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Zur vollständigen AnsichtWer ist der Verdächtige?
Bei dem getöteten Verdächtigen handelt es sich um einen 18-jährigen Österreicher. Wie der „Spiegel“ und der österreichische „Standard“ zuerst berichteten, war er den Sicherheitsbehörden als Islamist bekannt. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) wurden diese Informationen aus Sicherheitskreisen bestätigt.
Gegen den jungen Mann aus dem Salzburger Land war nach Angaben der österreichischen Polizei vergangenes Jahr ermittelt worden – wegen des Verdachts, dass er sich religiös radikalisiert sowie für Sprengstoff und Waffen interessiert hatte. Für den Mann mit bosnischen Wurzeln wurde ein Waffenverbot verhängt.
Der damals noch 17-Jährige war den Behörden nach einer Drohung gegen Mitschüler und einer Körperverletzung aufgefallen. Sie hatten gegen den Österreicher von 2021 bis 2023 ermittelt, wie die Staatsanwaltschaft Salzburg mitteilte. Dabei sei Material bei ihm gefunden, das auf Sympathien mit der islamistischen Organisation Haiat Tahrir al-Scham (HTS) hindeuteten. Der bayerische Verfassungsschutz schreibt, dass HTS 2017 aus dem Zusammenschluss eines früheren Al-Kaida-Ablegers und einiger kleinerer militanter syrischer Gruppen hervorgegangen sei. Anders als Al-Kaida, die weiter Anschläge im Westen plane, konzentriere sich HTS auf Syrien und wolle den dortigen Machthaber Baschar al-Assad stürzen. Die Ermittlungen wegen einer möglichen Terrormitgliedschaft des 18-Jährigen wurden im April 2023 aber eingestellt.
Die bayerische Polizei hatte jedoch keine Informationen zu dem getöteten Schützen aus Österreich. Eine Abfrage der Datenbanken zu dem 18 Jahre alten Österreicher sei negativ verlaufen, sagte ein Sprecher des bayerischen Landeskriminalamts (LKA). „Wir haben keine Unterlagen zu ihm gehabt.“
Nach dem mutmaßlichen Anschlagsversuch wurde sein Wohnort im Salzburger Land durchsucht. Zahlreiche Beamte rückten nach Neumarkt am Wallersee aus, um Beweise und Spuren zu sichern. Das teilte ein Salzburger Polizeisprecher der Deutschen Presse-Agentur mit. Der 18-Jährige hatte in Neumarkt zusammen mit seinen Eltern gewohnt. Zur Sicherheit sei das Wohnhaus und die benachbarten Gebäude evakuiert worden, sagte der Polizeisprecher. Im Nachhinein habe aber sich herausgestellt, dass keine Gefahr bestanden habe.
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Zur vollständigen AnsichtWie konnte der Angreifer an eine Waffe gelangen?
Der Schütze von München hatte seine Waffe, einen Karabiner älterer Bauart, nur einen Tag vor seinem mutmaßlichen Attentat gekauft. Dabei hätte der 18-Jährige keine Waffe kaufen dürfen. Gegen ihn wurde wegen des Verdachts ermittelt, dass er sich religiös radikalisiert und für Sprengstoff und Waffen interessiert haben könnte. Deswegen wurde ein Waffenverbot verhängt, das noch bis mindestens Anfang 2028 in Kraft geblieben wäre.
Doch in Österreich sind Waffen der „Kategorie C“ frei erhältlich. Darunter fallen Langwaffen, die nach jedem Schuss händisch nachgeladen werden müssen. Sie müssen im Zentralen Waffenregister eingetragen werden, dafür hat der Käufer aber sechs Wochen Zeit. Professionelle Waffenhändler prüfen in einer „Abkühlphase“ vor der Aushändigung der Waffe, ob gegen den Käufer etwas vorliegt. Privatverkäufer sind dazu nicht verpflichtet.
Warum der Täter von München am Vortag des Anschlags ein Gewehr kaufen konnte – trotz eines Waffenverbots
Wegen des vergleichsweise liberalen Waffenrechts in Österreich sind Flinten und Karabiner frei erhältlich. Der Schütze von München kaufte die Waffe erst am Mittwoch von einem Sammler. Das gegen ihn erlassene Waffenverbot war kein Hindernis.
Was ist über das Motiv des Schützen bekannt?
Ermittler gehen derzeit von einem versuchten Terroranschlag des getöteten Schützen aus. Nach derzeitigen Erkenntnissen sehe man bei dem Angriff des mit einem Gewehr bewaffneten 18-jährigen Österreichers einen „Bezug zum Generalkonsulat des Staates Israel“, teilten Polizei und Generalstaatsanwaltschaft München mit. Mit Blick auf das eingestellte Verfahren in Österreich sagte die Leiterin der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus bei der Generalstaatsanwaltschaft München, Gabriele Tilmann, es sei derzeit noch unklar, ob der Täter zuletzt immer noch mit HTS oder eher mit dem IS sympathisiert habe.
Die Ermittlungen unter Federführung der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus konzentrieren sich jetzt auf das genaue Motiv des jungen Mannes. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte: „Die Hintergründe der Tat müssen noch aufgeklärt werden.“ Allerdings: „Wenn jemand hier unmittelbar in Sichtweite zum israelischen Generalkonsulat parkt, dann mit dem Gewehr um dieses Generalkonsulat herum geht, da mit dem Schießen beginnt“, sei das „sicherlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Zufall“.
Herrmann will künftig stärker gegen religiöse Radikalisierungen vorgehen. „Wie gehen wir mit Menschen um, wo wir erkennen, dass sie sich für die IS-Ideologie interessieren? Dass sie vielleicht sich selbst radikalisieren?“, sagte Herrmann dem Radiosender Bayern2 am Freitag: „Da werden wir in Bayern auf jeden Fall unsere Konzepte überprüfen und sehen, wie können wir da noch aufmerksamer sein.“
War das israelische Konsulat betroffen?
Das israelische Außenministerium teilte mit, es seien keine Konsulatsmitarbeiter verletzt worden. Im Konsulat habe es eine Gedenkfeier zum Olympia-Attentat in München 1972 gegeben, deshalb hatte es den Angaben zufolge nicht geöffnet. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach mit Blick auf den zeitgleichen Jahrestag des Olympia-Attentats in München von einem schlimmen Verdacht. „Ein Zusammenhang ist möglicherweise gegeben. Es muss noch geklärt werden“, sagte der CSU-Politiker in der Nähe des Tatorts.
Am 5. September 1972, also vor genau 52 Jahren, hatten palästinensische Terroristen während der Olympischen Spiele in München ein Attentat auf israelische Athleten verübt. Damals waren elf israelische Geiseln, ein Polizist und fünf Attentäter gestorben.
Was ist noch unklar?
Ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen dem Schusswechsel und der Veranstaltung zum Gedenken an das Olympia-Attentat besteht, ist noch unklar.
RND/sth/dpa