Abgeordnete mit Zukunftsangst: Emilia Fester sucht die Zuversicht
Emilia Fester steht unter Strom. Gerade ist sie aus dem Plenarsaal des Bundestags in ihr Büro geeilt, das einige Hundert Meter entfernt liegt. Und gleich muss sie wieder zurück. Die Tagesordnung wurde kurzfristig geändert und hat ihren Terminkalender an diesem Tag Ende März durcheinandergeworfen. Kein guter Zeitpunkt, um in Ruhe über ihr Inneres zu sprechen. „Es geht heute wild durcheinander“, entschuldigt Fester ihre Eile und ihre Frisur. Ein paar Haare stehen ab als würde tatsächlich Strom durch ihren Körper fließen.
„Das ist auf Dauer kein gesundes System“, konstatiert die Bundestagsabgeordnete der Grünen, nachdem sie von 80-Stunden-Sitzungswochen und Schlafmangel erzählt hat. Und eigentlich ist es kein System, in dem man seine Verletzbarkeit zeigen will. Zumal, wenn diese mit der Politik zu tun hat, die im Bundestag gemacht wird.
Fester macht es trotzdem: „Ich habe natürlich Angst vor der Zukunft. Viele in meiner Generation fürchten sich vor dem, was auf uns zukommt.“ Gemeint sind Klimawandel, eskalierende Kriege, eine nach rechts abdriftende Gesellschaft. Krisen, die die Politik bekämpfen sollte. Zu diesem Zeitpunkt ist Fester selbst schon eineinhalb Jahre Teil dieser Politik im Bundestag. „Milla“, wie sie sich selbst vorstellt, ist mit 23 Jahren als damals jüngste Abgeordnete ins Parlament eingezogen.
„Das Ergebnis bereitet mir Sorge mit Blick auf die Zukunft“
Ihre Partei ist seitdem Teil der Ampelregierung, zankt aber regelmäßig mit SPD und FDP. So auch zu Beginn dieser Woche im März: Rund 30 Stunden musste der Koalitionsausschuss tagen. Die Ampel hatte sich beim Klimaschutz verhakt. Am Ende steht ein Kompromiss, der unter anderem das geplante Heizungsgesetz entschärft – ein erstes Mal. Nach Lesart vieler Kommentatorinnen und Kommentatoren hat die FDP sich durchgesetzt. So sieht das auch Fester, die als Neuling in der Grünen-Fraktion keinen direkten Einfluss auf den Kompromiss hatte: „Das Ergebnis dieser Runde bereitet mir Sorge mit Blick auf die Zukunft.“
Die Abgeordnete hadert damit aber nicht. „Als Politikerin muss ich Sorgen als Antrieb betrachten, nicht als Hemmnis. Sie treiben mich an, Dinge zu verändern und für etwas Positives zu kämpfen“, erklärt sie. Das sei auch einer der Gründe gewesen, der sie in die Politik getrieben habe. Trotz zwischenzeitlicher Enttäuschungen wie dem Koalitionsausschuss ist Fester zufrieden mit der Entscheidung: „Im Bundestag als Stimme der jungen Menschen eintreten zu können, ermutigt mich sehr.“
Hundewelpen statt Dystopien
Aber: „Angst wird zum Hemmnis, wenn man daraus nichts Positives mehr ableiten kann.“ Fester zögert und spricht dann etwas leiser: „Bei der Klimakrise sehe ich uns diesem Punkt nahe. Wenn es so weit kommt, würde mir auch die Kreativität fehlen, wie wir da noch rauskommen. Außer dass wir es noch möglichst erträglich gestalten können, wenn es den Bach runtergeht.“ Ein Mitarbeiter unterbricht sie: „Milla, du solltest jetzt den Fahrdienst zum Bundestag bestellen. Schau mal aus dem Fenster.“ Sonnenstrahlen fallen in das Büro, aber nicht weit entfernt ziehen dunkle Gewitterwolken auf. Fester zückt ihr Smartphone, bestellt ein Auto und setzt dann mit dystopischen Erzählungen über den Klimawandel fort.
Warum sich Zuversicht trotz Zukunftsangst lohnt
Krieg, Rechtsruck, Klimawandel und Inflation: Viele junge Menschen glauben, dass sie es mal schlechter haben werden als die eigenen Eltern. Zukunftsangst ist zum prägenden Gefühl einer Generation geworden. Aber es gibt auch Grund für Zuversicht. Ein Plädoyer für‘s Trotzdem.
Bis sie innehält und fragt: „Puh, über was reden wir hier eigentlich?“ Fester wirft ihren Kopf nach hinten und lacht laut als wolle sie alles Negative damit kompensieren. „Beim nächsten Mal streicheln wir Hundewelpen oder machen etwas anderes Schönes, wenn wir über solche Themen reden“, scherzt sie. Das muss aber ohnehin erstmal warten: Festers Mitbewohnerin und Fraktionskollegin Saskia Weishaupt hält gleich eine Rede, die will sie nicht verpassen. Also ab in das Gewitter und zurück in den Reichstag.
Die Sonne strahlt über Berlin und Emilia Fester strahlt auch. Sie nimmt schwungvoll die Stufen zur Bühne, winkt in die Menge, lässt sich beklatschen. Die Jugendpolitiktage sind ein Highlight in Festers Terminkalender. Die Abwechslung zu eher tristen Lobbyveranstaltungen und Gremiensitzungen sucht sie sich bewusst: „Wir geben uns Mühe, ein paar schönere Termine in die Woche zu legen. Darauf kann ich mich freuen. Denn natürlich ist nicht alles Fun in der Politik.“
Hier, in einem holzvertäfelten Konferenzsaal, hat sie aber ein Heimspiel. Fester, 25 Jahre alt, sitzt auf dem Podium. Im Publikum rund 1000 Menschen zwischen 16 und 27 Jahren. Fester hört sich ihre Sorgen an und präsentiert die Ideen der Grünen als Lösung. Im Publikum sind sie dankbar für die Gelegenheit und sympathisieren ohnehin größtenteils mit linken Positionen. Auf den ersten Blick wäre nicht zu erkennen, wer hier Abgeordnete und wer Konferenzteilnehmerin ist.
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Zur vollständigen AnsichtZusammen mit anderen jungen Abgeordneten diskutieren sie sich durch die Themen: Inflation, mentale Gesundheit, Rechtsextremismus. Als ein Teilnehmer bessere Bahnverbindungen fordert, um mobil zu bleiben, schreitet der Moderator ein. Er will zum eigentlichen Thema Jugendbeteiligung zurück. Doch Fester geht dazwischen: „Jugendliche sollten überall mitsprechen dürfen, wo sie betroffen sind. Die meisten haben kein Auto, sondern fahren Bahn. Deshalb finde ich es voll okay, wenn sie über diese Probleme reden wollen.“ Der Applaus brandet so laut auf wie sonst nur selten an diesem Vormittag.
Mit Abgeordneten besser nicht über Emotionen sprechen
Fester erkennt auf den Jugendpolitiktagen ein Muster wieder, wie sie später erzählt: „Die jungen Menschen stellen sich nicht hin und sagen ‚ich habe Angst‘. Sie gehen meistens den Schritt weiter und sagen genau, was sie brauchen, um die Ängste abzubauen.“
Auch sie selbst macht das so. Zum einen, weil in ihren Gesprächen oft allen klar sei, welche Ungerechtigkeiten es gebe. „Wenn ich mit Fridays for Future über die Klimakrise spreche, dann müssen wir uns nicht erst gegenseitig versichern, dass uns die Entwicklungen beunruhigen.“
Zum anderen sei es nicht einfach, über starke Emotionen wie Angst zu sprechen. „Frauen – und jungen Menschen – wird oft vorgeworfen, zu hysterisch zu sein. Deshalb gewöhnt man sich als junge Politikerin schnell ab, im politischen Kontext über Emotionen zu sprechen.“
Ihre Zukunftsängste seien deshalb in Gesprächen mit Abgeordneten anderer Fraktionen nie Thema. „Es ist leider nicht gerne gesehen, wenn man im Bundestag über starke Emotionen spricht.“ Fester hat eine andere Strategie entwickelt: „Ich zähle die Fakten auf, zum Beispiel die Prognosen zur Klimakrise. Damit wecke ich vielleicht beim Gegenüber dieselben Emotionen, ohne dass ich meine eigenen nach außen kehren muss.“
Bundestag statt Tanzfläche
Als die Podiumsdiskussion auf den Jugendpolitiktagen zu Ende ist, belagern die Jugendlichen Fester noch lange. Sie wollen weiterdiskutieren, Fragen stellen, ihr Flyer zustecken. Als sie sich schließlich aus der Menge gelöst hat, bittet sie ihre Mitarbeiterin um Feedback. Es gibt Lob für den Auftritt. Und von Fester für die Veranstaltung: „Begegnungen mit jungen Menschen machen mich immer zuversichtlich. Sie zeigen, dass die nachwachsende politische Generation nicht lethargisch ist, sondern die quälenden Fragen unserer Zeit verstanden hat und gewillt ist, schnellere und größere Schritte zu gehen.“
Die Jugendlichen werden in Berlin noch zwei Tage verbringen, Freundschaften schließen und abends die Sorgen einfach mal wegfeiern. Fester hingegen muss zu einer namentlichen Abstimmung. „Dieser Job ist nicht vereinbar mit dem, was man sonst in der Jugend macht.“
Das lange Himmelfahrtswochenende hätte so schön sein können. Wenig Arbeit, Kraft tanken für den Endspurt vor der Sommerpause. Doch stattdessen schlägt ein Youtube-Video Wellen.
Youtuber Mirko Drotschmann fragt für seinen Kanal „MrWissen2Go“ das Geschichtswissen von Abgeordneten ab. FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann gerät bei der Frage nach der Einführung des Frauenwahlrechts ins Schlingern, CDU-Kollege Philipp Amthor zögert bei der Frage nach dem Datum der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Doch die Häme ergießt sich über Fester: Sie ist im Video zu sehen, wie sie nicht weiß, dass Otto von Bismarck 1871 zum Reichskanzler ernannt wurde.
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Zur vollständigen AnsichtEin nicht mehr aktiver FDP-Politiker bezeichnet sie daraufhin bei Twitter als „Dummchen“. Christoph Ploß, CDU-Abgeordneter aus Festers Heimatstadt Hamburg, spottet, dass sie anderen die Welt erkläre, aber selbst Wissenslücken habe. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“, schreibt er.
Als die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihres Teams die ersten Kommentare sehen, schlagen sie Alarm. Schockiert machen sie das, was sie in solchen Fällen immer machen: Potenziell Justiziables sichten, eine Anzeige formulieren, Fester diese zur Unterschrift vorlegen. Die Abgeordnete soll möglichst fern vom Hass gehalten werden.
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Zur vollständigen AnsichtEine „ganz ordentliche“ Leistung im Geschichtsquizz?
So kommt es, dass sie in der darauffolgenden Woche den Umständen entsprechend gut gelaunt ist. Bei einem Cappuccino mit Hafermilch erzählt sie ihre Sicht der Dinge: „Ich finde es richtig, bei solchen Tests auch ohne Expertenwissen mitzumachen.“ Sie habe sich vorbereitet und eine „ganz ordentliche“ Leistung erbracht: Ungefähr zwei Drittel der Antworten waren korrekt.
In dem Video werden allerdings nicht alle gegebenen Antworten gezeigt. Aber selbst wenn: Hätte sie für Diejenigen, die den Shitstorm vorantreiben, jemals gut genug sein können? Festers Auftritte außerhalb des Plenarsaals erhitzen oft die Gemüter, zum Beispiel ihre Tanzvideos bei Instagram. Die einen finden das für ihre Altersklasse angemessen. Die anderen für eine Mandatsträgerin unangemessen.
„Wenn Sie vor der Zukunft nur noch Angst haben, können Sie sich gleich ins Grab legen“
Die jüdische Psychotherapeutin und Kinderärztin Eva Umlauf beschäftigt sich beruflich mit den Ängsten junger Menschen. Sie selbst überlebte als Kind das KZ Auschwitz – und versteht die aktuellen Sorgen der jungen Generation, wünscht sich aber mehr Optimismus.
Bei dem jüngsten Shitstorm hat Fester einen anderen Auslöser ausgemacht: „Die Rechten haben sich auf den Schlips getreten gefühlt, weil ich ihre Gallionsfigur nur als Kolonialisten kannte. Das war meine erste Assoziation zu Bismarck“, erklärt sie.
Lieber Zukunfts- als Geschichtsunterricht
Fester hat sich nach dem Shitstorm der „Bismarckbrüller“ Gedanken über die richtige Gewichtung von Vergangenheit und Gegenwart gemacht. Sie fragt sich: „Wo ist das Schulfach, das neben Geschichte die andere Seite beleuchtet?“ Die Zukunft könne beispielsweise im Politikunterricht eine größere Rolle spielen. „Wir lernen dort zu viel über die Strukturen von Politik, aber zu wenig, um für Kommendes gewappnet zu sein.“
Fester will den Angriffen und was sie bei ihr auslösen, nicht zu viel Raum geben. Lieber wieder in die Aktion kommen. Die negativen Emotionen wandelt sie diesmal in die Idee vom Zukunftsunterricht um.
Eine Woche später sitzt Fester mit ihrem Team auf dem Sofa und starrt gebannt auf einen Fernseher. Wieder ist ein Video mit ihr als Protagonistin auf Youtube online gegangen. Auf dem Kanal „Die da oben“ erklärt die Politikerin, wie viel eine Bundestagsabgeordnete verdient.
Fester hat tagsüber immer wieder nachgeschaut, ob das Video schon da ist – und die Kommentare. Am Ende des Arbeitstags, eigentlich wollen das Team und die Abgeordnete einen Spieleabend machen, gibt es dann ein Public Viewing in der Wohnung der Büroleiterin. In den Kommentaren gibt es viel Lob. Allen fällt ein Stein vom Herzen. Dieses Video hat sich gelohnt.
Fester muss Dampf ablassen. Die Bundesregierung hat einem „katastrophalen“ Plan zugestimmt. Ein „Skandal“ sei das, ein „historischer Fehler“, erklärt die Grünen-Politikerin auf neun Instagram-Kacheln.
Es geht in dem Post um den europäischen Asylkompromiss. SPD-Innenministerin Nancy Faeser hatte keine Einwände mehr dagegen. Fester befürchtet, dass deshalb künftig flüchtende Kinder in haftähnlichen Bedingungen landen könnten. Ein rotes Tuch für viele Grüne, für linke wie sie ganz besonders. Doch Teile der Partei- und Fraktionsspitze verteidigen das Ergebnis.
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Zur vollständigen AnsichtEnttäuscht von der eigenen Partei
Fester ist an diesen Junitagen enttäuscht von ihrer Partei. „Mir macht Angst, dass Grüne in diesem Moment nicht in der Lage waren, diesem Rechtsruck entgegenzuhalten.“ Vor allem ist sie mittlerweile aber schwer genervt von den Koalitionspartnern. Auch die endlosen Debatten um das Heizungsgesetz des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck zehren in dieser Zeit an den Nerven.
Fragt man Fester danach, gibt sie sich zunächst noch diplomatisch: „Dass es in 16 Jahren Unionsregierung nicht schnell genug voran ging, war eine Prämisse, mit der wir in diese Koalition gestartet sind. Aber Kompromisse sind die Essenz, aus der Politik gemacht ist.“ Je länger Fester spricht, desto deutlicher werden ihre Worte: „Wir müssen abwägen, ob die Kompromisse im Grundsatz für die Zukunft noch genug sind, um das zu erreichen, was wir ursprünglich wollten. Das ist gerade jetzt in den riesigen Kämpfen mit der FDP die Frage.“
Für Fester ergibt sich daraus nicht nur ein politstrategisches Problem. Die selbsternannte Fortschrittskoalition befeuert mit dem gefühlten Stillstand auch ihre Sorgen vor Klimakrise und einer zerrütteten Gesellschaft: „Meine Angst ist besonders groß, wenn Einigungen wieder aufgemacht werden, bei denen ich dachte, dass wir sie längst abgeschlossen und gewonnen hätten.“
Zufrieden mit dem, was sie hat?
Festers Strategie, Angst in Aktionismus umzuwandeln, gerät in diesen Tagen an Grenzen. Was kann sie noch bewirken, wenn von den Spitzen der Koalition ein Machtwort gesprochen wurde?
Es sind diese Koalitionsausschüsse, Kabinettssitzungen, EU-Gipfel, die oft vorkommen, wenn Fester über ihre Angst spricht. Umgekehrt spricht sie vor allem nach Gesprächen mit Jugendlichen, Aktivistinnen und Aktivisten sowie ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern von Hoffnung. Fester sitzt zwischen den Stühlen. Aktivistin ist sie nicht mehr, aber auch nicht an den Schalthebeln der Regierung. Müsste sie nicht auf die eine oder die andere Seite, um für die Zukunft und gegen Ängste zu kämpfen?
„Ich bin seit anderthalb Jahren Abgeordnete. Das ist ein cooles Mandat und reicht mir gerade. Ich weiß gar nicht, wie attraktiv es wäre, sich als Ministerin von Sachzwang zu Sachzwang hangeln zu müssen.“ Fester erklärt, ihr sei es wichtig, eine Vision für sich zu haben. Aber man müsse auch mit dem, was man habe, zufrieden zu sein.
„Wenn ich ausgelaugt bin, werde ich anfälliger für negative Gedanken.“
Emilia Fester,
Bundestagsabgeordnete der Grünen
In der ersten Hälfte der Legislaturperiode hat sie auch gelernt, trotz des Drucks auf sich achten zu müssen. „Wenn ich ausgelaugt bin, werde ich anfälliger für negative Gedanken“, erklärt Fester. Wenn ihr für längere Zeit das Gefühl fehle, etwas bewirken zu können, fange sie an zu hadern: „Bin ich hier am richtigen Ort und kann ich meine Kraft hier richtig einsetzen? Bekommen wir die Krisen noch bewältigt, wenn sogar ich als Abgeordnete das Gefühl habe, nicht das beisteuern zu können, was es brauchen würde?“
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Zur vollständigen AnsichtIn solchen Momenten zieht sich Fester in sichere Häfen zurück. Das ist zum einen ihr Büroteam. Es besteht aus jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – die wie Freundinnen und Freunde für sie seien. Zum anderen ist das ihre WG als Wohlfühlort. Mit Fester zusammen wohnen Saskia Weishaupt und Marlene Schönberger, ebenfalls junge Grünen-Abgeordnete. „Ich habe mir mit ihnen ein resilientes Umfeld geschaffen. In der WG werde ich nicht abgewertet, wenn ich über Emotionen spreche.“
Fester trägt Tische von links nach rechts, stellt Stühle um. „Haben wir eigentlich genug Bier? Ich habe ein bisschen Angst, dass 50 Leute kommen, aber nur ein Kasten da ist“, ruft sie zu ihrem Mitarbeiter, der gerade Salzbrezeln, Kekse und vegane Fruchtgummihasen auf einen Teller umschichtet. Der kann sie beruhigen: Es sind genug Getränke da, im Notfall ist ein Supermarkt um die Ecke.
Dann drapiert Fester noch die Regenbogenflagge auf einem Stehtisch und es ist angerichtet. Bevor die Abgeordnete die ersten Menschen empfangen muss, sitzt sie noch vor der Tür. „Ein bisschen Sorgen habe ich schon“, gesteht sie. Vielleicht kommen ungebetene Gäste.
„Wer kommt?“
Es ist Ende Juni, eine Wahlkreiswoche in Hamburg. Am Freitagabend will Fester mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen. Mit „Freibier für deine Meinung“ kündigt sie die Veranstaltung in ihrem Wahlkreisbüro auf Plakaten an. Ein Foto der Plakate macht am Tag vor dem Event die Runde auf Twitter. Dort erreicht es vor allem die rechte Blase. Ein großer Account fragt: „Wer kommt?“
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Die ersten beiden Gäste schnacken mit Fester über die Auswahl des Biers. Sie finden es nicht gut, dass Astra bereitsteht – eine Marke, die zum Großkonzern Carlsberg gehört. Schnell sammelt sich eine Menschentraube um die Abgeordnete. Jetzt geht es um Atomkraft, das Justizsystem und schließlich um das Heizungsgesetz.
Ein älterer Mann hat das Thema aufgebracht, ihn regt es auf. Fester erklärt ausführlich die guten Seiten des Vorhabens. „Das Gesetz hat einen großen Anteil an sozialen Maßnahmen. Niemand muss sich Sorgen machen“, endet sie. Ihr Gesprächspartner setzt an, sich in Rage zu reden: „Ich habe aber Angst vor diesem Gesetz. Die Leute machen sich Sorgen!“ Fester unterbricht, jetzt wird sie laut und energisch: „Ich höre das. Aber hörst du auch, was ich gesagt habe?“
Ein anderer Gast, der sich als Mitglied der Jungen Union vorstellt, ist gekommen, um Fester „etwas abzuverlangen“. „Ich finde es gehört dazu, dass Politiker sich bei solchen Veranstaltungen nicht nur mit Anhängern abgeben. Sie müssen auch mal kritische Fragen gestellt bekommen“, sagt er. Von den Antworten Festers ist er nicht überzeugt, auch nicht, wie sie vorgetragen werden. „Diese Offenheit nehme ich ihr nicht ab.“ Die Abgeordnete sei eine Kunstfigur, die nur zeige, was sie wolle. „So ist das auch, wenn sie über Zukunftsängste spricht. Das soll die anderen Parteien emotional unter Druck setzen.“
Ein komisches Gefühl
Fester, so erzählt sie es später, hat während der Veranstaltung ein komisches Gefühl. Einerseits freue sie sich, dass viele unterschiedliche Menschen gekommen sind. Andererseits hänge über dem Abend die Frage: „Wer ist einfach nur kein klassischer Grünen-Wähler? Und wer ist tatsächlich ein rechter Troll?“
Die Auflösung folgt postwendend. Nach der Veranstaltung kursiert wieder ein Bild auf Twitter. Es zeigt Fester lächelnd neben einem jungen Mann: fokussierter Blick in die Kamera, akkurater Kurzhaarschnitt, Polo-Shirt mit einem Kragen, dessen Farben – Schwarz-Weiß-Rot – an die Reichsflagge erinnern. Lediglich ein „Moin Jungs!“, steht über dem Tweet. Die rechtsextreme Blase versteht dennoch, sie feiert den Mann für seinen Auftritt als U-Boot auf der Veranstaltung.
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Zur vollständigen AnsichtFester, die rechten Trollen eigentlich kein Futter geben will, kann das nicht auf sich sitzen lassen. Auf Instagram postet sie ein ausführliches Statement. Sie sei „ganz schön erschreckt“ und fühle sich „eklig und instrumentalisiert“. Die Ängste sind in diesem Fall ganz persönliche. „Die Rechten sind überall. Sogar im Bundestag wird es unangenehm, wenn sich mal wieder ein AfD-Abgeordneter so dicht hinter mich stellt, dass es an Belästigung grenzt.“
Es ist Urlaubszeit, auch für Abgeordnete. Fester fährt mit dem Zug nach Paris, dann nach Brüssel, später mit der Familie in den Harz. Doch der Abend in Hamburg hallt noch nach. „Ich mache mir Sorgen um die Demokratie, auch weil jetzt Friedrich Merz sich den Rechten annähert.“ Der CDU-Vorsitzende hatte zuvor seine Partei als „Alternative für Deutschland mit Substanz“ bezeichnet.
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Zur vollständigen Ansicht„Und dann schaue ich auf meine Möglichkeiten, als Abgeordnete demokratiestärkende Mittel einzusetzen. Das beschränkt sich leider auf das, was Christian Lindner zulässt. Und das ist so gut wie gar nichts.“ Es sei brandgefährlich, wenn der Finanzminister wichtige Projekte gegen Rechts und für Demokratiebildung finanziell beschränke.
Für Fester ist die FDP immer wieder der Übeltäter – auch bei der Kindergrundsicherung. Als Obfrau ihrer Fraktion im Familienausschuss ist das Gesetz für sie ein Prestigeprojekt. Aber trotz Veto im letzten Moment konnte Parteifreundin und Familienministerin Lisa Paus gegen Lindner nur etwas mehr als zwei statt 12 Milliarden Euro dafür herausschlagen.
„Heute stellt sich die Koalitionsfrage nicht“ – und an anderen Tagen?
Fester lobt das Ergebnis, trotz Gerangel kämen die Grünen in der Koalition mit ihren Vorhaben voran. „Deshalb stellt sich heute die Koalitionsfrage nicht.“ Das scheinbar positive Fazit ist keines. Die Betonung liegt auf dem Wort „heute“.
Kann sie unter diesen Umständen noch Zuversicht aus ihrer Arbeit ziehen? Fester denkt lange nach, sehr lange. „Ich glaube, egal wo ich gerade wäre, würde meine Zuversicht nicht so groß sein. Es gibt mir Kraft, als Abgeordnete etwas tun zu können. Aber es macht mich nicht unbedingt zuversichtlicher.“ Die schöne Welt, die andere Generationen kennengelernt hätten, werde es in dieser Form vermutlich bald nicht mehr geben. Und das werde neue Zerwürfnisse in der Gesellschaft auslösen. „Meine Aufgabe ist es jetzt, das irgendwie abzufedern.“