Der Mittelstand blutet aus? Nur, wenn wir es zulassen
Der Mittelstand und insbesondere die Industrie in Ostdeutschland stehen massiv unter Druck. Doch statt immer wieder den Niedergang zu beschwören, müssen wir unsere Geschäftsmodelle an eine veränderte Welt anpassen: Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wir wissen, dass Energiekosten, Demografie, Regulierung und internationaler Wettbewerb unser Geschäft verändert haben.
„Standpunkt“ – der Gastkommentar
Unsere Gesellschaft lebt davon, dass die beste Idee gewinnt. Dafür braucht es Debatten und Argumente – auch wenn sie kontrovers sind. Argumente, die aus praktischen Erfahrungen gespeist sind. Im Gastbeitrag „Standpunkt“ lassen wir deshalb Menschen zu Wort kommen, die wichtige Debatten und Ideen aus ihrer Praxis beurteilen können. Und bieten ihnen einen festen Ort, um zu hinterfragen, ob eine Idee nur groß ist oder wirklich Potenzial hat – und welche Argumente der Realität standhalten.
Ich führe ein mittelständisches Unternehmen mit 140 Mitarbeitenden in Treuen im sächsischen Vogtland. Wir stellen unter anderem Bedien-Terminals für die Industrie her. Rund 80 Prozent unseres Geschäfts hängen an der deutschen Industrie. Der Druck ist real: Die Nettoinvestitionsquote lag 2025 bundesweit bei minus 0,2 Prozent, in Sachsen bei minus 1,17 Prozent. Es wird mehr abgeschrieben als investiert.
Was die GETT.GROUP 30 Jahre lang gemacht hat, funktioniert so nicht mehr. Also haben wir vor zwei Jahren angefangen umzubauen: Wir setzen mehr auf digitale Lösungen und haben gleichzeitig mit Reparatur und Aufarbeitung angefangen.
Inzwischen überholen wir auch Geräte, die nie bei uns gebaut wurden, im Auftrag anderer Hersteller. Das spart Material und ist ein eigenes Geschäftsfeld geworden.
Genau so muss Nachhaltigkeit funktionieren: als Geschäftsmodell, nicht als Auflage. Wer Kreislaufwirtschaft als Berichtspflicht begreift, erlebt sie als Kostenblock. Wer sie als Produkt denkt, verdient daran. Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit sind keine Gegensätze.
Dazu gehört, international zu denken. Wir fertigen in Deutschland, China und den USA. Das ist kein Gegensatz zum Standort Treuen, sondern die Voraussetzung dafür, dass es ihn noch gibt. Wer glaubt, Wohlstand ließe sich durch Abschottung sichern, hat noch nie eine Lieferkette verantwortet.
Wer gute Arbeitskräfte aus anderen Ländern nicht mehr haben will, verzichtet auf die Wertschöpfung von morgen.
Pierre Beer,
Chef der GETT.GROUP
Und wir brauchen Menschen. Ein alterndes Land mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung kommt ohne qualifizierte Zuwanderung nicht aus. Das braucht Steuerung, Regeln und gelingende Integration.
Wer gute Arbeitskräfte aus anderen Ländern nicht mehr haben will, verzichtet auf die Wertschöpfung von morgen. Auch unsere 36-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich gehört dazu: kein Symbol – ein Experiment, das funktioniert.
Wenn der Staat Spielräume schafft, sollten sie dorthin fließen, wo daraus Wettbewerbsfähigkeit entsteht: Bildung, Infrastruktur, Digitalisierung und KI, verlässliche Energie, nachhaltige Industrie.
Die Welt hat sich verändert. Unsere Aufgabe ist nicht, darüber zu klagen, sondern unser Geschäftsmodell so zu verändern, dass wir auch morgen noch erfolgreich sind.