Bhutan: Ein Land zwischen fliegenden Tigern und heiligen Phalli
Mal hat er Flügel, mal Füße, manchmal sogar ein Gesicht. Wer ihn das erste Mal auf einer Häuserwand entdeckt, mag noch einen kleinen Moment lang denken: „War das nicht gerade…?“ Beim nächsten Mal ist es sicher: Ja, das war ein Phallus.
Was in anderen Ländern eiligst übermalt oder entfernt werden würde, ist in Bhutan gewollt. „Der Phallus ist ein Symbol für Glück und Wohlstand“, sagt Guide Tobden Wangchuk, „die Darstellung auf den Hauswänden soll böse Geister abwehren.“
Die besondere Macht des Phallus
Der Glaube an die besondere Macht des Phallus hat eine Geschichte. Es ist die Geschichte von Drukpa Kunley (1455–1529), dem beliebtesten Heiligen des kleinen Königreiches. Der war für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt. Von Konventionen hielt er nichts. Dafür war er Frauen genauso zugeneigt wie dem Alkohol.
Einer Legende zufolge soll er allerdings auch Dämonen vernichtet haben, die den Menschen das Leben schwer machten. Zum Beispiel Loro Duem. Es wird gesagt, er unterwarf sie mit seinem „Donnerblitz der flammenden Weisheit“, und meint: Er schlug sie mit seinem erigierten Penis nieder und befreite die Menschen so vom negativen Karma.
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Kinderlose kommen in den Tempel der Fruchtbarkeit
Seither gilt er auch als Heiliger der Fruchtbarkeit und der ihm zu Ehren in Lobesa im Punakha-Tal errichtete Chime Lakhang als Tempel der Fruchtbarkeit. Er ist ein beliebtes Ziel von kinderlosen Paaren. Sie kommen, um hier einen Fruchtbarkeitssegen zu erhalten.
Westlichen Reisenden sind hier noch immer eher selten. Reisen nach Bhutan sind erst seit 50 Jahren überhaupt möglich. Vom internationalen Flughafen in Paro im Westen geht es für die meisten zunächst in die 50 Kilometer entfernte Hauptstadt Thimphu. Die ist mit ihren rund 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern mit Abstand die größte und wichtigste Stadt Bhutans.
Verfassung verpflichtet zum Erhalt des Waldes
Etwa zwei Drittel des Landes des Donnerdrachens, wie die Einheimischen ihre Heimat auch nennen, das im Norden an Tibet und im Süden an Indien grenzt, sind von Wald bedeckt. Bhutan ist durch seine Verfassung dazu verpflichtet, nicht weniger als 60 Prozent der Fläche als Waldgebiete zu erhalten. Es ist das einzige Land der Welt, das mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnimmt, als es ausstößt.
Das Land ist auch äußerst artenreich. Löwen, Leoparden, Kragenbären und kleine Pandas, aber auch Goldlanguren sind hier zu Hause. Nationaltier ist das Takin, ein ziegenartiges Geschöpf, mit einer rinderartigen Gestalt.
Gho und Kira sind traditionelle Kleidung
Bhutan, das etwa so groß wie die Schweiz ist, hat aber nur rund 750.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Viele davon sind noch heute häufig in der traditionellen Kleidung unterwegs. Frauen tragen Kira, ein knöchellanges Kleid, das um den Körper gewickelt wird, darunter eine langärmlige Bluse und darüber eine hüftlange Jacke. Männer tragen Gho, eine knielange Jacke aus gewobenem, meist kariertem Stoff, der mit einem Gurt auf die gewünschte Länge gebracht wird, dazu Kniestrümpfe.
Bei offiziellen Anlässen wird ein Tuch kunstvoll über der Schulter drapiert. Dessen Farbe gibt Aufschluss über den Stand in der Gesellschaft. Normale Bürger tragen weiß, Minister zum Beispiel orangefarbene Schals ohne Fransen, Mitglieder der Nationalversammlung dunkelblaue. Safrangelb ist König Jigme Khesar Nemgyel Wangchuck vorbehalten.
Museum gibt Einblick in die textile Geschichte
Einen lehrreichen und eindrucksvollen Einblick in die textile Geschichte des Landes bekommen Reisende im Textilmuseum der Königlichen Textilakademie im Norden von Thimphu. Hier erfährt man nicht nur, dass die noch heute häufig handgefertigten Stoffe sich regional sehr unterscheiden. Im Museumsshop gibt es die Textilien außerdem zu kaufen.
Traditionelle Künste im National Institute for Zorig Chusum
Anderes Handwerk steht im nahe gelegenen National Institute for Zorig Chusum im Fokus. Hier lernen die Studierenden die traditionellen Künste des Landes. Dazu gehören die Herstellung von Statuen aus Ton genauso wie das Malen der Thangkas, also Bilder mit buddhistischen Motiven, und das Schnitzen von hölzernen Masken.
Tashi Tobgay hat sich auf die Fertigung von Masken spezialisiert. „Sie werden für die vielen Festivals im Land gebraucht“, erklärt der 27-Jährige, während er einem Drachenkopf aus Pinienholz den letzten Feinschliff verpasst, bevor er in bunten Farben bemalt wird. Besucherinnen und Besucher haben nicht nur die Chance, den Studierenden bei der Arbeit zuzuschauen, in einem kleinen Verkaufsraum sind die Arbeiten auch zu fairen Preisen erhältlich.
Goldglänzender Buddha ist 51 Meter hoch
Wie wichtig das Handwerk ist, wird in den zahlreichen Tempeln deutlich. Etwa in der goldglänzenden Buddha-Dordenma-Statue, die auf einem Berg am Eingang des Thimphu-Tales 51 Meter hoch in den Himmel ragt. In deren Inneren befinden sich 125.000 weitere kleine Buddhas aus vergoldeter Bronze. An den Wänden ziehen die farbenprächtigen, filigran gemalten Darstellungen von Gottheiten die Blicke auf sich. Ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst.
Tigernest liegt auf einem Felsvorsprung
Das gilt auch für das Taktshang-Kloster im Paro-Tal. Das ist besser als Tigernest bekannt. Es liegt auf einer Höhe von rund 3120 Metern – dabei wirkt es allerdings mehr, als würde es an dem Felsvorsprung kleben. Um es zu erreichen, ist eine mehrstündige Wanderung nötig. Ein Teil der Strecke lässt sich mit Maultieren überwinden, doch das letzte Auf und Ab vor dem Ziel muss zu Fuß zurückgelegt werden. Vor allem für diesen Abschnitt sollte man schwindelfrei sein.
Legende von Guru Rinpoche
Seinen Namen hat es verschiedenen Legenden zu verdanken. Padmasambhava, besser bekannt als Guru Rinpoche, der den Buddhismus nach Bhutan brachte, soll im achten Jahrhundert auf dem Rücken einer Tigerin hierhergeflogen sein und in einer Höhle meditiert haben – und zwar drei Jahre, drei Monate, drei Wochen, drei Tage und drei Stunden lang. Deshalb wurde hier das Kloster errichtet.
Und das in der atemberaubenden Landschaft des Himalayas. Atemberaubend ist tatsächlich wörtlich zu verstehen, denn die Lage – mehr als 80 Prozent der Fläche befinden sich auf mehr als 2000 Metern Höhe – kann für Reisende auch zur Herausforderung werden. Deshalb ist es wichtig, vieles etwas langsamer angehen zu lassen.
Das ist sowieso viel schöner, um das Land auch wirklich wahrzunehmen. Und wahrzunehmen gibt es eine ganze Menge – vor allem bei Fahrten auf den meist kurvigen Straßen durch die bergige Landschaft.
Dzongs: Klosterfestungen gehören zu den Highlights
Bei einer Reise durch Bhutan gehören auch Besuche der Dzongs, also der buddhistischen Klosterfestungen, zum Pflichtprogramm. Das zweitälteste und zweitgrößte Dzong ist gleichzeitig das eindrucksvollste im Land. Es liegt malerisch am Zusammenfluss der beiden Flüsse Mochu und Pochu im Punakha-Tal und ist über eine überdachte hölzerne Brücke erreichbar.
Das Dzong wurde 1637 zum Schutz gegen die immer wieder einfallenden Tibeter erbaut. In seiner langen Geschichte wurde es mehrfach durch Sturzfluten, Feuer und Erdbeben beschädigt, aber immer wieder aufgebaut. Hier wird der einbalsamierte Leichnam des im 17. Jahrhundert gestorbenen, als Staatsgründer geltenden Shabdrung Ngawang Namgyel aufbewahrt. Hier fand die Hochzeit des amtierenden Königs mit seiner Frau Jetsun Pema statt. Und hier verbringen die wichtigsten Geistlichen des Landes noch heute die Wintermonate.
Prachtvoll gestaltete Tempel
Es gibt mehrere Lakhangs, also Tempel, in der Festung. Im Haupttempel ziehen drei meterhohe vergoldete Statuen von Buddha, Guru Rinpoche und dem Shabdrung die Blicke auf sich. An den Wänden ist die Geschichte Buddhas detailreich dargestellt. Gemeinsam mit den zahlreichen kleineren Statuen, Thangkas und den vergoldeten Säulen schaffen sie ein so prachtvolles Gesamtbild, dass man nur ehrfurchtsvoll staunen kann.
Beste Aussichten vom Dochula-Pass
Der Weg von Thimphu nach Punakha führt über den Dochula-Pass auf 3100 Metern Höhe. Hier liegt ein Aussichtspunkt, von dem sich ein unvergleichlicher Blick auf die beeindruckende Bergwelt bietet – wenn Nebel und Wolken das nicht verhindern. „Die besten Chancen auf die Aussicht hat man zwischen Oktober und Februar“, verrät Guide Tobden Wangchuk.
Hier stehen auch 108 Stupas, die zu ehren von Soldaten errichtet wurden, die 2003 im Kampf gegen Aufständische aus dem indischen Assam fielen. Sie sind vor allem bei den zahlreichen Touristinnen und Touristen aus dem benachbarten Indien ein beliebtes Fotomotiv.
Am Wegesrand tauchen immer wieder Schilder auf, die davor warnen, Tiere zu überfahren: „Don‘t create bad karma“ („Erschaffe kein schlechtes Karma“) heißt es darauf.
Gebetsfahnen fürs Seelenheil
Wie wichtig es den Einheimischen ist, ihr Seelenheil nicht zu gefährden, ist auch an den zahlreichen Gebetsfahnen zu sehen, die vielerorts am Wegesrand zu sehen sind. Die sind mal rot, grün, gelb oder blau oder schlicht weiß. Auch das hat eine Bedeutung. „Blau symbolisiert den Himmel, Grün das Wasser, Gelb die Erde, Rot das Feuer und Weiß die Luft und den Wind“, erklärt Wangchuk. Die Fahnen sollen die Gebete der Gläubige dem Himmel zutragen.
Und zur Not gibt es ja immer noch die Phalli. Und zwar nicht nur als Bilder. In vielen Souvenirläden sind sie auch in allen Größen erhältlich – vom Schlüsselanhänger bis zur Statue.
Tipps für deine Reise nach Bhutan
Anreise: Direktflüge von Deutschland nach Bhutan gibt es nicht. Die Reise ist zum Beispiel über Flughäfen in Mumbai oder Neu-Delhi sowie Singapur, Kathmandu oder Bangkok möglich.
Einreise: Deutsche benötigen für die Einreise ein Visum. Es kann online oder bei der Botschaft Bhutans beantragt werden. Kosten: 40 US-Dollar. Unabhängig von der Reisedauer muss von jedem Reisenden außerdem pro Tag eine sogenannte Sustainable Development Fee in Höhe von 100 US-Dollar gezahlt werden, Sechs- bis Zwölfjährige zahlen 50 US-Dollar.
Beste Reisezeit: Für Reisen empfehlen sich vor allem die Monate April bis Ende Oktober. Dann liegen die Temperaturen im Schnitt bei 20 bis 25 Grad Celsius.
Unterkünfte: Wer einen Einblick in die traditionelle Lebensweise bekommen will, hat bei einem Homestay die Chance dazu – ein sehenswertes historisches Haus mit eigenem Tempel und großem Garten befindet sich nahe Punakha: das Mendrelgang Homestay. Übernachtungen ab 19 Euro sind über zahlreiche Websites buchbar.
In Thimphu ist das am Waldrand stehende Bhutan Peaceful Residency and Spa Hotel (drei Sterne) ein guter Ausgangspunkt (Übernachtungen ab etwa 69 Euro).
Eine besondere Erfahrung ist der Aufenthalt im Bhutan Spirit Sanctuary im Paro-Tal. Übernachtungen sind ab etwa 800 Euro buchbar. Dafür sind in dem Fünf-Sterne-Hotel Wellnessbehandlungen inklusive – genauso wie der Besuch eines traditionellen bhutanesischen Mediziners.
Attraktionen: Textil-Museum: Chubachu, Dechen Lam, Thimphu, geöffnet montags bis samstags von 9 bis 16 Uhr. Der Eintritt kostet umgerechnet rund 5,50 Euro.
National Institute for Zorig Chusum: Pedzoe Lam, Thimphu, geöffnet montags bis freitags von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr. Eintritt: rund 2,20 Euro.
Währung: In Bhutan zahlt man in Ngultrum. Auch die indische Rupie ist ein gesetzliches Zahlungsmittel.
Weitere Informationen: Es ist nicht möglich, dass Land allein zu bereisen. Wer Bhutan besuchen will, muss sich einer Reisegruppe anschließen oder das Land mit einem individuell gebuchten Führer erkunden.
Die Reise wurde unterstützt vom Department of Tourism Bhutan. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.
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