Bei anderen ist es auch heiß: Ist die Hitze nur ein Problem für Fußballer?
Hannover. Erst zogen sich die Norweger bis auf die Sporthose aus, dann brachen sie das Training ganz ab. 32 Grad bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit zeigte das Thermometer im US-amerikanischen North Carolina. Dort absolvierte die norwegische Fußball-Nationalmannschaft kurz vor der Weltmeisterschaft ein Training. Bei diesen Temperaturen konnte das Team allerdings nur noch keuchen - an ein vernünftiges Training war nicht mehr zu denken.
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Auch anderen Mannschaften macht die Hitze bei dieser WM in den USA, Kanada und Mexiko zu schaffen. Bei den ersten Trainingseinheiten der englischen Nationalmannschaft in Florida sah man hechelnde Briten, die sichtlich mit den Temperaturen kämpften. „Wir sind diese Hitze und diese Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt“, sagte „Three Lions“-Trainer Thomas Tuchel in einer Medienrunde.
Zehnkämpfer Neugebauer: „Ich liebe die Hitze“
Das Klima in den USA kann der deutsche Zehnkämpfer Leo Neugebauer fast weglachen. „Ich liebe die Hitze“, sagte er in der ARD-Dokumentation „WM-Wahnsinn und Titelträume“. „Die Muskeln werden einfach schneller warm.“ Sein Training absolviert Neugebauer deswegen meistens in Austin im US-Bundesstaat Texas. Im Sommer sind es dort gerne mal 38 Grad Celsius - im Schatten. Neben dem resistenten Olympia-Silber-Gewinner wirken einige Fußballprofis beinahe zart besaitet. Ist die Sonne für sie gefährlicher als für andere?
Je nach Sportart sei die Belastung anders, sagt Professor Hanns-Christian Gunga. Der Humanphysiologe forscht an der Berliner Charité zu den Auswirkungen von Hitze auf den menschlichen Organismus. Leichtathletik zählt zu den Sprint- und Kraftsportarten. „Kurze Sprintstrecken brauchen eine hohe Betriebstemperatur”, sagt Gunga. Für den Körper sei es dann von Vorteil, wenn seine Umgebung heiß ist. Außerdem könne ein Leichtathlet nach kurzer starker Belastung Pause machen und sich im Schatten erholen.
Beim Fußball hingegen muss der Körper ausdauernd laufen und sprinten noch dazu. Bei längerem Laufen steige die „Körperkerntemperatur“, sagt Gunga. Wenn es dazu sehr heiß ist, werde die Temperatur der Umgebung auf Dauer zur Belastung „für das Herz-Kreislauf-System und die Thermoregulation“. Dazu kommt, dass Fußballer nur in der Halbzeit und bei kurzen Trinkpausen den Körper herunterkühlen können.
Die Hitze fürs Training nutzen
Leichtathleten wie Neugebauer trainieren sogar gezielt bei heißen Temperaturen. „Hitzetraining“ nennt sich das. „Unter dieser Belastung wird das Herz-Kreislauf-System gestärkt”, sagt Gunga. Außerdem lerne der Körper: Er muss bei Hitze mehr und früher anfangen zu schwitzen. So kühlt er sich selbst.
Ein weiterer Vorteil: „Der Elektrolytverlust an Kalium, Natrium und Magnesium wird vermindert”, sagt Professor Gunga. Durch die Adaption an Hitze können die Schweißdrüsen die beim Schwitzen verlorenen Elektrolyte durch bestimmte Hormone in den Körper zurückführen. So müssen diese nicht ersetzt werden. Wichtig: Hitzetraining ist nicht für jeden Hobbyläufer geeignet, merkt Gunga an, sondern eher für „Hochleistungssportler, die sowieso in den obersten 99,5 Prozent der Belastbarkeit sind.“
Die Sonne: auch in der NFL und MLB ein Problem
Spieler in der Major League Baseball (MLB) gehen ähnlich mit Hitze um wie Fußballer. Auch hier wird bei Spielunterbrechungen ein kühles Getränk gereicht und nach dem Spiel in die Eistonne gehüpft. Dennoch kommt es in der MLB regelmäßig zu Kreislaufproblemen während der Spiele. Der Unterschied zum Fußball: Auf dem Feld muss kein Baseballer permanent laufen, dazu gibt es viele Pausen - Stichwort Sprintsportart. Ein Spiel kann zwar drei Stunden dauern, die gestoppte Zeit, in der der Ball fliegt und ein Spieler rennt, beträgt dafür nur circa 20 Minuten.
Das kann die National Football League (NFL) sogar noch unterbieten. Dort beträgt die sogenannte „Nettospielzeit“ pro Spiel circa 15 Minuten. In der vergangenen Bundesliga-Saison lief ein Spiel 57 Minuten im Schnitt ohne Pausen und Unterbrechungen.
Nichtsdestotrotz kam es in der NFL bereits zu einem prominenten Todesfall, 152-Kilogramm-Tackle Korey Stringer von den Minnesota Vikings starb 2001 im Trainingscamp an den Folgen eines Hitzschlags. Die NFL führte anschließend Präventionsprogramme gegen Hitzeschäden ein.
„Sowohl durch die zusätzliche Gewichtsbelastung der Ausrüstung als auch durch die beeinträchtigte Wärmeabgabe sind Footballspieler einer hohen Wärmebelastung im Spiel ausgesetzt“, erklärt Gunga. Lebensbedrohlich wird es, sobald der Körper eine innere Temperatur von 40,5 Grad Celsius erreicht. „Bei 40,5 Grad hört es auf, auch bei hochtrainierten Leuten.“
Auch deshalb gibt es in der NFL mittlerweile streng einzuhaltende Konzepte, wie Spieler bei Hitze zu trainieren haben. Sie sollen langsam an die Belastung mit schwerer Ausrüstung herangeführt werden. Auch in der MLB kommt es regelmäßig zu Kreislaufproblemen während der Spiele.
Hitzegewöhnung in 14 Tagen
Die Hitze ist also kein reines Fußballer-Problem, auch wenn es angesichts der leidenden Nationalmannschaften bei der WM manchmal so scheint. Wenn WM-Spiele um die Mittagszeit angepfiffen werden, wo die Sonne am höchsten steht, „ist das auch für einen Nordamerikaner eine Belastung, das trifft nicht nur uns“, sagt Gunga.
Entscheidend sei die Akklimatisierung. Wenn sich der Körper bei erwachsenen Menschen vollständig an die Hitze anpassen soll, „dauert das 14 Tage“, sagt Gunga. Ein warmer und schwüler Trainingsplatz sei da für Mannschaften sogar förderlich, um sich an die Temperaturen zu gewöhnen - auch für Europäer.
Das heißt für die Norweger: Trikots wieder anziehen und ab auf den Rasen!