Gespräch mit der Nationalspielerin

„Mädchen werden zum Teil kleinergehalten als nötig“: Leuchter wächst an der WM

Überragt viele: Viola Leuchter (l.) steigt im WM-Halbfinale der deutschen Mannschaft gegen die Französin Oriane Ondono (Frankreich) zum Wurf hoch.

Hannover. Viola Leuchter (21) gehörte bei der Handball-WM der Frauen im abgelaufenen Jahr zu den Leistungsträgerinnen im deutschen Team, das Silber gewann. Zum zweiten Mal nach 2023 wurde die Rückraumspielerin, die für Odense Handbold in Dänemark spielt, als Best Young Player des Turniers ausgezeichnet. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Leuchter einen Monat nach Turnierende über ihren neuen Promistatus sowie Angela Merkel und verrät, mit wem sie gerne mal auftreten würde.

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Frau Leuchter, wie viele Lebensmittel bekommt man für 2500 Euro bei Lidl?

(lacht) Das habe ich noch gar nicht überprüft. In Dänemark muss man ja auch immer noch die Währungen umrechnen.

Zur Erklärung: Ihre Auszeichnung zur besten Nachwuchsspielerin der WM war mit einem 2500-Euro-Discounter-Gutschein dotiert ...

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Ich war bis jetzt noch gar nicht einkaufen. Die Übergabe des Gutscheins hat allerdings auch noch nicht stattgefunden. Ich gehe nicht mit dieser großen Pappe, die ich nach dem Finale bekommen habe, in den Supermarkt. Auch wenn das an der Kasse bestimmt gut ankäme.

Best Young Player: Zweimal wurde dieser Titel überhaupt erst vergeben. Zweimal gewann ihn Viola Leuchter.

Bei der nächsten WM 2027 sind Sie „zu alt“ für den Preis. Welche Kollegin wäre eine würdige Nachfolgerin?

Nieke Kühne war auch diesmal schon nominiert, und sie hätte das genauso verdient gehabt. Es war ihr erstes großes Turnier, bei dem sie wirklich mitspielen konnte. So cool und abgeklärt ihre Rolle zu erfüllen, fand ich beeindruckend. Ich glaube aber, in zwei Jahren ist selbst sie zu alt. Aber ich bin mir sicher, dass da viele junge Talente nachkommen.

Freude unter Freundinnen über WM-Silber: Mareike Thomaier trägt Viola Leuchter nach dem Endspiel in Rotterdam auf Händen.

Kommen wir mal zu einer anderen Kollegin: Mit Mareike Thomaier sind Sie gut befreundet. Bei der WM stand sie nach der Vorrunde nicht mehr im Spieltagskader, weil sie immer die 17. Frau war. Wie bekommt man diesen Spagat zwischen der eigenen Euphorie und der Enttäuschung der Freundin hin?

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Das war nicht leicht und keine dankbare Rolle für sie. Am Ende bist du bei einem Turnier, um zu spielen. Aber als Individuum muss man sich dann auch zurücknehmen und in den Dienst der Mannschaft stellen. Das hat jede gemacht. Vor allem Mareike! Sie war sehr stark und hat vielleicht von allen den größten Beitrag für die gute Stimmung geleistet. Als Freundin habe ich versucht, positiv und aufmunternd zu bleiben.

Merken Sie, dass die TV-Übertragungen Ihren Bekanntheitsgrad gesteigert haben?

Es hat sich schon etwas verändert. Gerade, als es noch frisch nach dem Turnier war. Mitzukriegen, wie viele Leute das Turnier verfolgt haben – auch solche, die vorher noch nie Handball geguckt haben, fand ich überwältigend. Wenn es im Free-TV angeboten wird, schauen die Leute auch.

Werden Sie angesprochen?

Schon, zum Beispiel in Aachen auf dem Weihnachtsmarkt: „Hier, du bist doch die vom Handball. Glückwunsch!“ Unser Sport bekommt Aufmerksamkeit, und wir als Team haben Eindruck hinterlassen.

Während der WM waren Sie auch bei Social Media zu sehen. Für Ihre spontane Video-Moderation im ICE wurden Sie sogar mit Anke Engelke verglichen ...

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Das ist natürlich ein Ritterschlag für mich und wäre ein kleiner Traum, mal mit ihr irgendetwas zu machen. Ich habe gerne Spaß und bin ab und zu vielleicht auch ein kleiner Quatschkopf. Dann kommt das fast von selbst.

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Sie haben bis 2024 bei Bayer Leverkusen gespielt. Ihr jüngerer Bruder ist noch immer dort – als U19-Fußballtorhüter.

Julian hat auch lange Handball gespielt, und ich bin der Überzeugung, er wäre auch dort gut geworden. Früher haben wir mit der ganzen Straße bei uns im Garten Fußball gespielt. Schon als Knirps hatte er nie Angst vor Bällen, auch wenn die Älteren ohne Rücksicht draufgebolzt haben. Es war absehbar, dass er mal Torwart wird.

Wer sieht mehr Spiele von der oder dem anderen?

Er von mir. Seitdem ich in Dänemark bin, kann ich nicht mehr so oft nach Deutschland kommen. Aber wenn ich da bin, gehe ich gerne in Leverkusen auf den Fußballplatz.

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Er wird möglicherweise Profi, Sie sind es schon. Angeblich als Einzige in der Frauen-Nationalmannschaft. Stimmt das?

Ich bin die Einzige, die noch nichts anderes abseits von Handball macht. Das heißt aber nicht, dass ich Unsummen verdiene. Ich werde aber in Zukunft auch studieren. Aktuell tendiere ich zu Kulturwissenschaften, einem Mix aus Literatur, Geschichte und Philosophie.

Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit.

Viola Leuchter über Angela Merkel

Im Buch „Sheroes – Faszination Frauenhandball“ verraten Sie, dass Sie Angela Merkel bewundern. Was begeistert Sie an der Ex-Kanzlerin?

Ich finde es bemerkenswert, dass sie so lange in einem männerdominierten Beruf ihr Ding gemacht hat. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich meine das gar nicht so, dass ich politisch ein Merkel-Fan bin. Aber ihr Werdegang aus der DDR zur Kanzlerin – unter Männern, die einen belächeln – taugt schon als krasses Vorbild.

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Zum Abschluss noch eine nerdige Handballfrage: Warum gibt es bei den Frauen im Vergleich zum Männerhandball so wenige Dreher zu sehen? Ist bei Ihnen das Haftmittel schlechter?

Ich habe da einen feministischen Ansatz. Ich glaube, dass Mädchen in Jugendjahren anders behandelt wurden, was Tricks angeht. Wenn wir einen Heber oder Dreher verworfen haben, hieß es schnell, dass das arrogant ist. Bei Jungs wird vielleicht eher gepusht, dass Trickwürfe cool sind und dazugehören. Mädchen werden da zum Teil kleinergehalten als nötig.

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