Vorbild Spanien: Kann die Nations League ein Sprungbrett für Titel sein?
Wenn die deutsche Nationalmannschaft an diesem Mittwoch (21 Uhr, ZDF) gegen Portugal antritt, startet sie in zwei Turniere gleichzeitig. Offiziell handelt es sich bei dem Treffen in München um das erste von zwei Halbfinals der Nations-League-Endrunde. Inoffiziell beginnt mit der Partie für die Deutschen auch die WM 2026 - ein bisschen zumindest.
Bundestrainer Julian Nagelsmann betont bei jeder Gelegenheit, wie wichtig jedes Spiel sei, um - nach Jahren der Dürre zwischen 2018 und 2024 - wieder zur Siegernation zu reifen: „Unser großes Schlagwort ist: Selbstverständnis. Das wollen wir weiter füttern. Wir wollen dahinkommen, gemeinsam Titel zu gewinnen“, sagt Nagelsmann mit Blick auf das Finalturnier der Nationen-Liga, an dem außerdem Spanien und Frankreich teilnehmen, die sich im zweiten Halbfinale am Donnerstag in Stuttgart begegnen. Das Finale ist für Sonntag in München terminiert.
Wie sein Vor-Vorgänger Joachim Löw hat auch Nagelsmann die Spanier zum Vorbild ausgerufen. Allerdings nicht unbedingt in spielerischer Hinsicht, sondern im Bezug auf das von ihm propagierte Selbstverständnis. „Extrem ausgelassen gejubelt“ hätten Spaniens Fußballer, nachdem sie 2023 die bisher letzte Ausgabe der Nations League gewonnen hatten, hat Nagelsmann beobachtet.
Spanien wurde später Europameister
Das beweist für ihn, dass die Spanier den Wert des einst gering geschätzten Wettbewerbs auf dem Weg zu noch höherem Ruhm erkannt haben - ein Jahr später wurde das Land Europameister, bekanntlich unter anderem nach einem Sieg im Viertelfinale gegen Deutschland: „Die spanische Mannschaft hat begriffen, wie bedeutungsvoll die Nations League sein kann. Das hat unsere Mannschaft auch begriffen.“
Auch die Deutschen wollen den Wettbewerb gewinnen beim Finalturnier auf heimischem Boden - als Zwischenschritt zu einer erfolgreichen WM im kommenden Jahr. Nur: Ist die Nations League wirklich der Wegweiser zu noch Größerem? Ein Blick in die junge Historie des Wettbewerbs wirft Zweifel auf.
Erster Gewinner war 2019 Portugal. Die Portugiesen entwickelten durch ihren Triumph kein Sieger-Selbstverständnis. Bei der darauffolgenden EM, dem europaweiten Corona-Turnier 2021, scheiterten sie im Achtelfinale, bei der WM 2022 war im Viertelfinale Schluss, ebenso bei der EM im vergangenen Jahr. Der Gewinn der Nations League war kein Schritt auf dem Weg zu weiteren Erfolgen, sondern eher der Abschluss goldener Jahre: drei Jahre zuvor, 2016, war Portugal Europameister geworden.
Erfolg für Frankreich als Ausdruck grundsätzlicher Stärke
Auch für Frankreich, 2021 zweiter Nations-League-Gewinner, war der Erfolg kein Sprungbrett, sondern Ausdruck der grundsätzlichen Stärke der Franzosen in den vorangegangenen Jahren. 2016 stand die Mannschaft im EM-Finale gegen Portugal, 2018 wurde sie Weltmeister, bei der WM 2022 erreichte sie erneut das Endspiel und scheiterte an Argentinien. Im vergangenen Jahr bei der EM schied Frankreich erst im Halbfinale gegen Spanien aus. Der Titel in der Nations League war das Beiprodukt dieser goldenen Jahre.
Einzig der Erfolg der Spanier in dem Wettbewerb 2023 lässt sich als Schritt zu noch hellerem Glanz deuten. Allerdings hatten die Spanier schon bei der Corona-EM zwei Jahre zuvor das Halbfinale erreicht - und bekamen nach dem Nations-League-Titel enorme Qualität hinzu in Person der jungen Flügelstürmer Nico Williams und Lamine Yamal. Sie waren entscheidend beim EM-Triumphzug 2024.
Die bisherigen Gewinner der Nations League waren also Länder, die schon in den Jahren unmittelbar zuvor große Titel errungen hatten (Portugal, Frankreich) oder einer Trophäe zumindest nahegekommen waren (Spanien). Für Deutschland gilt nichts davon.
Eine erfolgreiche Nations League ist keine Garantie für weitere Erfolge. Das weiß natürlich auch Bundestrainer Nagelsmann. Im Umkehrschluss heißt das auch: Sollte die von Verletzungen geplagte deutsche Auswahl die stark besetzte Finalrunde ohne „Titelchen“ (Nagelsmann) beenden, verschlechtert das nicht unbedingt die Chancen bei der WM im kommenden Jahr.
Nur die Arbeit am Selbstverständnis hätte natürlich einen Rückschlag erlitten.