Warum sich beim Stromverbrauch Geld verdienen lässt
Es klingt paradox, ist aber wahr. Und an Pfingsten wird es mit großer Wahrscheinlichkeit wieder passieren: Die Preise für Strom, der an der Börse gehandelt wird, fallen in den negativen Bereich. Private Haushalte können dann mit Energieverbrauch Geld verdienen. Wir erläutern, warum dieser Effekt auch seine negativen Seiten hat.
Die wichtigsten Fragen und Antworten
- Warum gibt es überhaupt negative Strompreise?
- Wie kommt das in der Öffentlichkeit an?
- Was braucht es für negative Preise?
- Wie hat sich die Zahl der Stunden mit negativen Preisen entwickelt?
- Wann kommen die nächsten negativen Preise?
- Wer wird dann ganz konkret von dieser Situation profitieren?
- Wie hoch fallen die Einnahmen für die Abnahme von Strom aus?
- Welche Schattenseiten haben die negativen Preise?
- Sind negative Strompreise kontraproduktiv, weil die Allgemeinheit dafür gerade steht?
- Was lässt sich über die langfristige Entwicklung sagen?
- Kommt der Speicher-Ausbau voran?
- Welche Folgen könnten diese Unsicherheiten bringen?
Warum gibt es überhaupt negative Strompreise?
Negative Strompreise wurden bei der Gestaltung des Regelwerks für den Handel von Strom an der Börse ganz bewusst eingeführt. Sie sollen bei den Erzeugern der elektrischen Energie als Signal wirken. Denn das Ziel ist eigentlich, jederzeit genau soviel Strom im Netz zu haben wie gerade benötigt wird. In anderen Ländern - wie Italien - gibt es Preise mit negativen Vorzeichen allerdings nicht.
Wie kommt das in der Öffentlichkeit an?
Es ist für viele Bürger schwer verständlich, warum man Geld dafür bekommen kann, wenn man Energie verbraucht. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, räumte im RND-Interview kürzlich ein, dass er schon in seiner Familie daran scheitere, einen negativen Strompreis in Höhe von 500 Euro pro Megawattstunde (50 Cent pro Kilowattstunde) zu erklären: „Für die Akzeptanz der Erneuerbaren ist das ein Problembär.“
Was braucht es für negative Preise?
Immer bei einem hohen Stromangebot und geringer Nachfrage - also an Wochenenden und Feiertagen, wenn der Bedarf der Industrie weitgehend wegfällt. Hinzukommen muss eine Erzeugung, die weit über das Benötigte hinausgeht. Dies passiert, wenn die Sonne überall in Deutschland scheint und die Photovoltaikanlagen immense Strommengen erzeugen.
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Zur vollständigen AnsichtWie hat sich die Zahl der Stunden mit negativen Preisen entwickelt?
Die Zahl der Stunden steigt kontinuierlich - parallel zum Ausbau der Solarenergie. Die Daten aus den ersten viereinhalb Monaten deuten darauf hin, dass es in diesem Jahr einen neuen Rekord geben könnte. Der niedrigste Preis wurde am 1. Mai mit minus 499 Euro erreicht. Er wäre vermutlich noch tiefer gefallen, wenn sich die europäischen Strombörsen nicht auf eine Untergrenze bei 500 Euro geeinigt hätten.
Wann kommen die nächsten negativen Preise?
Nach Einschätzung von Experten über Pfingsten. Zu einer geringeren industriellen Nachfrage soll laut Wettervorhersagen kommen, dass ab nächsten Freitag in weiten Teilen Deutschlands für mehrere Tage viel Sonne scheint und die Temperaturen über 25 Grad steigen.
Wer wird dann ganz konkret von dieser Situation profitieren?
Grundvoraussetzung ist ein intelligenter Stromzähler (Smart Meter) und ein dynamischer Stromtarif, der die Notierungen an der Strombörse nachvollzieht. Der Effekt lässt sich noch durch einen Batteriespeicher und ein automatisches Energiemanagementsystem steigern. Dann wird der Akku im Keller genau dann gefüllt, wenn die Preise tief im negativen Bereich sind.
Wie hoch fallen die Einnahmen für die Abnahme von Strom aus?
Das Energie-Startup 1Komma5-Grad hat für den 1. Mai, als die Preise für mehr als 8 Stunden im Minusbereich lagen, errechnet, dass private Haushalte an diesem Tag im Schnitt bis zu 35 Cent netto pro verbrauchter Kilowattstunde einnehmen konnten. Wer ein Elektroauto daheim lädt, konnte damit bis zu 18 Euro verdienen.
Welche Schattenseiten haben die negativen Preise?
Für einen Großteil der Betreiber von Solaranlagen entsteht kein Schaden, da sie gesetzlich festgeschriebene Vergütungen für jede eingespeiste Kilowattstunde bekommen. Da diesen Entgelten aber zudem Kosten gegenüberstanden, um den Strom loszuwerden, entstehen hohe Differenzbeträge, die mit Mitteln aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) beglichen werden müssen. Der KTF wird mit Einnahmen aus der CO2-Bepreisung und mit Steuergeld gespeist.
Sind negative Strompreise kontraproduktiv, weil die Allgemeinheit dafür gerade steht?
Darüber wird intensiv diskutiert. Der Dachverband der Energiewirtschaft (BDEW) kehrt vor allem die Signalwirkung hervor, und zwar für ein flexibleres Stromsystem und mehr Batteriespeicher. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will für neue Solardächer die fixen Einspeisevergütungen abschaffen und stattdessen eine Direktvermarktung einführen: Was dazu führen soll, dass Hausbesitzer bei drohenden negativen Preisen ihre Anlagen abschalten, um nicht draufzahlen zu müssen.
Was lässt sich über die langfristige Entwicklung sagen?
Für Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme spricht vieles dafür, dass die negativen Strompreise in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen. Gandhi sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Alle neuen Solaranlagen, die ans Netz gehen, haben schon jetzt keinen Anreiz mehr, bei negativen Preisen Strom einzuspeisen, weil es dafür keine staatlich garantierte Vergütung mehr gibt.“ Ferner würden bestehende Anlagen nachgerüstet, um sie bei negativen Preisen abregeln zu können. „Da geht es um Betreiber, die den Strom bereits direkt an der Börse vermarkten, also gegenwärtig draufzahlen, wenn sie bei negativen Preisen einspeisen.“ Hinzu kämen Batteriespeicher.
Kommt der Speicher-Ausbau voran?
„Es gibt ein großes Interesse mehr Speicher zu bauen, es gibt zugleich aber auch große Hindernisse, die den Zubau bremsen“, betont Gandhi. Da gehe es vor allem um Genehmigungs-, Netzanschlussverfahren und weitere Unsicherheiten wegen unklarer Rahmenbedingungen. Es werde sogar darüber nachgedacht, die Gebühren, die Speicherbetreiber für ihren Netzanschluss zahlen sollen, auch nachträglich zu erheben. „Darüber hinaus sind flexible Netzentgelte in der Diskussion, die die Erlöse der Speicherbetreiber zusätzlich drücken können“, so der Fraunhofer-Experte.
Welche Folgen könnten diese Unsicherheiten bringen?
Nach Gandhis Worten sind Banken derzeit nicht bereit sind, große Speicherprojekte zu finanzieren. „Und Kapitalgeber, die dennoch einsteigen wollen, müssen Risikoprämien wegen der Unsicherheiten verlangen, was die Projekte verteuert. All dies verhindert, das Schritthalten der Speicher mit dem Erneuerbaren-Ausbau.“