Rock ’n’ Rollstuhl: Warum Musizieren im Alter so gesund ist
Freiburg/Exeter. Im Onkel Pö herrscht Stimmung. Dort spielt nämlich „'ne Rentnerband“, und zwar „seit 20 Jahren Dixieland“. So heißt es zumindest in Udo Lindenbergs Evergreen „Alles klar auf der Andrea Doria“. Doch Stimmung ist nicht alles: Wer im Seniorenalter Musik macht, tut etwas für seine geistige Gesundheit – vor allem, wenn er „seit 20 Jahren“ nicht damit aufhört.
Das belegen neue Studien der Universität Exeter. Das Team um die Demenzforscherin Anne Corbett untersuchte die Effekte musikalischer Aktivitäten auf die kognitive Fitness älterer Menschen. Und räumte mit einem Mythos auf: Das bloße Hören von Musik – Stichwort „Mozart-Effekt“ – hat keine nennenswerte Wirkung auf die grauen Zellen. Selbst musizieren dagegen schon – und das Spielen von Instrumenten noch mehr als das Singen im Chor.
Demenzforschung: Welches Instrument ist am gesündesten?
Die Forschergruppe befragte mehr als 1100 Probanden mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren zu ihren musikalischen Aktivitäten. 78 Prozent davon hatten in ihrem Leben einmal Musikunterricht genommen, aktiv gespielt jedoch nur für wenige Jahre. 44 Prozent machten auch zum Zeitpunkt des Tests noch in irgendeiner Form Musik.
Alle Teilnehmenden – aktive Musiker, ehemalige und solche, die noch nie ein Instrument angerührt hatten – wurden kognitiven Tests unterzogen. Das Ergebnis: Wer auch im Alter noch musiziert, hat im Durchschnitt ein besseres Gedächtnis und vermag komplexe Denkaufgaben besser zu lösen als seine musikfernen Altersgenossen.
Insgesamt glauben wir, dass Musik eine Möglichkeit sein könnte, die Agilität und Widerstandsfähigkeit des Gehirns, die sogenannte kognitive Reserve, zu nutzen.
Anne Corbett
Demenzforscherin, Universität von Exeter
Die besten Ergebnisse zeigten sich unter Klavier- und Keyboardspielende, dicht gefolgt von den Bläsern. Beim Singen, vermuten die Forschenden, ist es wohl weniger das Trällern selbst, sondern die Tatsache, dass es meist in der Gemeinschaft geschieht, was die gesunde Wirkung erklärt.
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Zur vollständigen Ansicht„Insgesamt glauben wir, dass Musik eine Möglichkeit sein könnte, die Agilität und Widerstandsfähigkeit des Gehirns, die sogenannte kognitive Reserve, zu nutzen“, fasst Studienleiterin Corbett die Ergebnisse zusammen. Diese Reserve scheint auch beim Lesen von Musik, also der Lektüre von Noten, aktiviert zu werden: Notenleser haben vermutlich ein besseres Zahlengedächtnis, zeigt die Studie.
Helmut Schmidt: Sinnbild des musizierenden Seniors
Ein besonders passionierter Notenleser war der hochbetagte und schwerhörige Helmut Schmidt. Das eine Ohr war im Alter vollständig ertaubt, das andere seit Kriegszeiten geschädigt. Es blieb ihm das Lesen von Bach und Beethoven. Die Musik ertönte dann – ermöglicht durch viele Jahrzehnte Piano- und Notenerfahrung – im Konzertsaal der Imagination.
In einer Rentnerband spielte Schmidt – soweit bekannt – nie. Der Enkel seines ehemaligen Klavier- und Orgellehrers dagegen schon: Wolfgang Scharwenka, Enkel des Berliner Pianisten und Musiklehrers Walter Scharwenka, bei dem der berühmte Hanseat einst sein Tastenspiel verfeinerte.
Endlich Zeit: Der spät erfüllte Traum von der Oldie-Band
„Ich saß schon als kleiner Junge auf dem Schoß meines Großvaters, wenn er Klavier spielte“, erinnert sich Wolfgang Scharwenka. Als Teenager hatte der 73-Jährige sich seine erste Gitarre auf dem Flohmarkt gekauft. Die Stones und die Beatles gehörten zu seinen Helden. Eine musikalische Rebellion gegen Bach und die Volksmusik von Ernst Mosch, die seine Eltern bevorzugten.
„Ich habe damals in einer Schulband gespielt, aber seitdem blieb mein Traum von einer Gruppe, mit der ich meine Lieblingsmusik spiele, lange unerfüllt.“ Dass er jahrzehntelang für den Klebstoffhersteller Uhu im Außendienst tätig war, machte es nahezu unmöglich, eine Band zu finden und regelmäßig zu proben.
Mit 73 Jahren hat man das eine oder andere Zipperlein, aber die nächste Bandprobe lässt solche Probleme in den Hintergrund rücken.
Wolfgang Scharwenka
Gitarrist der Band When I’m 64
Doch vor vier Jahren ging er dann doch in Erfüllung, der Traum von der eigenen Band. „Die Jazz- und Rockschulen Freiburg hatten ein Plakat aufgehängt, das sich an Rentner in genau meinem Alter wandte“, erinnert sich Scharwenka. Eine Seniorenband suchte Personal. Scharwenka übernahm die Rhythmusgitarre. Der treffende Name der Band, eine Beatles-Hommage: When I‘m 64.
„Mit 73 Jahren hat man das eine oder andere Zipperlein“, erklärt Scharwenka. Die Bandscheibe mache sich bemerkbar. „Aber wissen Sie, ich freue mich jetzt schon so sehr auf die Bandprobe nächste Woche, dass diese Probleme in den Hintergrund treten.“
Warum hören wir, wenn wir älter werden, keine neue Musik mehr?
Mit dem Ernst des Lebens kommt die musikalische Erstarrung. Wir hören auf, neue Musik zu entdecken, und hören lieber Altbekanntes aus der eigenen Jugend. Aus Sicht von Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann gibt es dafür durchaus nachvollziehbare Gründe.
Seniorenmusikerin: Warum in nur einer Band spielen?
In den Vordergrund rücken dann ganz andere Probleme: „Es ist gar nicht so leicht, einen guten Bassisten zu finden“, stellt Scharwenka fest. „Ein Glück, dass Alice zu uns gekommen ist! Unser Bandleader lobt sie in einer Tour, da werde ich fast etwas neidisch.“
Gemeint ist Alice Rodriguez, eine ehemalige Lehrerin, die ihren Unruhestand vor allem einem Thema widmet: Musik. In einer Folkband spielt die Seniorin Cajon und trommelt in einer anderen Gruppe. Sie ist Mitglied in einer lateinamerikanischen Cumbia-Band, singt und spielt in einem Chororchester. Und bei alldem bleibt ihr noch Zeit für When I‘m 64?
Ich bekam Arthrose in den Fingergelenken. Beim Gitarrespielen ignorierte ich es, solange es ging, bis es irgendwann zu schlimm wurde.
Alice Rodriguez
Bassistin der Band When I’m 64
„Früher war ich sehr sportlich, mittlerweile ist Musik aber mein einziges richtiges Hobby“, sagt Rodriguez. Das Musizieren in den verschiedenen Formationen, das Lernen und Proben, würden ihrem Alltag Struktur geben. Die Freiburgerin lebt – wie viele Senioren und Seniorinnen – allein. Ihre Tochter wohnt in Heidelberg. Ihr Mann ist verstorben.
„Als Jugendliche habe ich mir beigebracht, mich selbst auf Gitarre zu begleiten. – ich wollte singen wie Joan Baez oder die Beatles.“ Im Lehrerberuf sei die Gitarre dann häufig zum Einsatz gekommen. Oft sang Rodriguez mit ihren Schulklassen – 30 Jahre lang. Bis schließlich ihre Hände Probleme machten: „Ich bekam Arthrose in den Fingergelenken. Solange es ging, ignorierte ich es beim Spielen, bis es irgendwann zu schlimm wurde“, erinnert sie sich. Schont man die Finger ganz, werde es allerdings noch schlimmer, habe man ihr versichert.
„Ernährung kann bei Arthrose viel leisten“
Lassen sich schmerzende Knie auf zu viel Bratwurst und Pommes zurückführen? Ganz so einfach ist es nicht. Doch es gibt Hinweise, dass auch die richtige Ernährung bei Arthrose eine wichtige Rolle spielen kann.
„Die Fähigkeit zu musizieren, der Spaß – das ist alles noch da, do it!“
Die Lösung: Trommeln, um die Gelenke in seichte Vibration zu versetzen, und ein Saiteninstrument, bei dem die Griffe weniger schmerzen – der E-Bass, für den sie extra Unterricht nahm. Ein unterschätztes Instrument, betont Rodriguez, vier Saiten, die Rhythmus und Melodie zugleich hervorbringen.
Spricht man mit Scharwenka und Rodriguez, so ist die Erfüllung und Freude, die sie ihrem Hobby entnehmen, unüberhörbar. Entsprechend ermutigend ist ihr Appell an die Altersgenossen: „Wenn jemand erzählt, er habe früher mal Akkordeon gespielt, dann frage ich immer: ‚Ja, warum tust du es denn jetzt nicht mehr?‘“ Rodriguez stimmt zu: „Meine Botschaft ist: Die Fähigkeit zu musizieren, der Spaß – das ist alles noch da, do it!“
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Zur vollständigen AnsichtLead-Gitarre und Gesang: Seniorenband sucht Nachwuchs
Im Moment stehe Bill Withers „Ain‘t no Sunshine“ auf dem Programm von When I‘m 64. Das mögen beide sehr gerne. Bassistin Rodriguez würde allerdings auch gerne „etwas Rockigeres“ spielen, „You Really Got Me“ von den Kinks zum Beispiel. Das Problem ist nur: „Uns fehlt leider eine Lead-Gitarre und jemand, der den Gesang übernimmt.“
Neuzugänge sind also dringend erwünscht bei den Freiburger Seniorenrockern. Und wer auch immer dort zukünftig zu E-Gitarre oder Mikrofon greifen mag, der kann sich gewiss sein: Sie oder er tut auch der eigenen Gesundheit etwas Gutes. Und es muss ja nicht immer Dixieland sein.